Wie es ist aus Berlin wegzufahren

FotoDas mit Berlin ist so eine Sache. Ich lebte schon öfters eine Zeit lang an fremden Orten, auch schon deutlich länger. Wenn ich hinfahre, freue ich mich auf das Neue. Und wenn ich zurückkehre, freue ich mich ebenfalls auf die Veränderung. So konnte ich lange leben, ohne zurück zu blicken, was ein göttlicher Lebensstil ist. Das perfekte Zuhause habe ich mir immer als Hausboot oder Zugabteil vorgestellt. Aber Berlin macht da nicht mit.

Ich verließ mein Zuhause für die letzten vier Monate nicht alleine. Meine Heimfahrt wurde zu einer Dienstreise und zwar nicht nach Darmstadt, sondern nach München. Vier Kollegen und ich standen mit Equipment bepackt am Bahnhof. Ich dachte nicht daran, dass diese Reise automatisch bedeutet, dass ich nicht mehr hierher zurückkomme. Stattdessen versuchte ich das Gleichgewicht zu halten, da jeder von uns bis zur Nase mit Taschen und Kisten behängt war.

Erst als ich meinen Koffer die Bahnstufen hochzog und dabei den nebligen Fernsehturm in der Ferne sah, bemerkte ich ein unangenehmes Gefühl. Wir verstauten alle Kisten und Taschen und freundeten uns mit unseren Sitzplätzen der ersten Klasse an. (Einer meiner Kollegen hob doch tatsächlich meinen überdimensionalen Koffer auf einen Gepäckhalter, wo er jetzt gefährlich über den Köpfen zweier Geschäftsmänner hing.) Ich beschloss das Gefühl „Wehmut“ zu nennen. Es erinnerte mich ein bisschen an Fernweh und Sehnsucht.

Wie auch immer, mir gefiel dieses Gefühl nicht. Es stellte meine Zukunft in einem Hausboot in Frage. Ich hatte das dringende Bedürfnis, jemandem von wehmütigen Gefühlen zu erzählen. Meine Kollegen waren hinter ihren Macs verschwunden. Jemanden per Nachricht davon zu erzählen, erschien mir wenig effektiv:

„Ich habe Wehmut.“
„Und ich habe einen Kater.“

Also blieb ich alleine mit meinem neuen Gefühl und den weichen Sitzen der ersten Klasse. (Meine erste Fahrt mit diesem Upgrade kam mir übrigens sehr lächerlich vor. Aber davon wann anders mehr.) Über Berlin hatte ich in etwa folgendes gelesen: „Kind, du bist verrückt, geh nach Berlin.“ Da ich eine herrliche Verrücktheit zu meinen Vorteilen zähle, fühlte ich mich damit angesprochen und gehorchte. Wer hätte gedacht, dass ich die sechs Stunden Zugfahrt weg von dieser Stadt darüber nachdachte, weshalb ich diese Fahrt nicht machen wollte.

Eine Freundin hatte mich gefragt: „Erzähl, wie war Berlin?“ Während ich nach zwei oder drei passenden Adjektiven suchte, prasselten sie auf mich ein und ich wusste nicht, welches ich zuerst nennen sollte. Treibend. Erschöpfend. Ehrlich, bunt, meckernd, ironisch! Schlussendlich beschränkte ich mich auf: „Sehr gut.“ Ich war nie gut darin, so etwas wie eine Reise zu beschreiben. (Was ironisch ist, da dieser Blog darum geht.)

Ich musste in München aus dem Zug steigen, um bewusst zu erkennen, dass ich nicht mehr in Berlin war. Kleine Flocken erkalteten mein Gesicht. Die Speisekarte bestand aus Worten wie „Wurschtl“. Nachts wurde vor meinem Fenster Jazz gespielt. Über mir hing ein Kronleuchter. Tja, das mit Berlin ist so eine Sache. Mittlerweile habe ich ein besseres Adjektiv gefunden. Ein Freund fragte mich an meinem ersten Abend zurück in Darmstadt: „Wie fandest du Berlin?“ Geil.

Foto: Johanna Kindermann

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