48 Stunden in der Bahn

Janosch Leuffen und ich sind zum Bahnfahren verabredet. Allein diese Tatsache ist schon seltsam. Dazu kommt, dass wir uns kaum kennen. Grund für diese Fahrt ist kein Traindate und auch kein supergeheimes Zusammentreffen, bei dem ich zufällig einen Umschlag mit Geldscheinen auf meinem Sitz liegen lassen würde. Obwohl Janosch sicher nichts gegen die Finanzspritze hätte. Der Umschlag wäre braun, unbeschriftet und nicht zugeklebt. Damit der Inhalt mit einem kurzen Handgriff überprüfbar wäre.

Der wahre Grund für diese Fahrt von Darmstadt nach Frankfurt ist unspektakulärer. Vor zwei Jahren machte er bei einem Projekt namens 18x Umsteigen mit. Mit einem Freund und dreiköpfigem Kamerateam fuhren sie 48 Stunden lang durch ganz Deutschland. Zwischen dem Start- und Endpunkt Köln hatten sie keine Zeit, um sich etwas anzusehen. Stattdessen hakten sie ein Umsteigen nach dem anderen ab. Was das für ein Sinn habe, will ich schnell wissen. „Gar keinen“, sagt er.

Janosch steht mit mir am Gleis, in einer Hand ein Pizzastück, in der anderen ein Lift. Das ist Apfelschorle, was ich zuvor nicht kannte. Er trinkt keinen Kaffee, das zerstört mein Bild von ihm als typischen Zugfahrer in meinem Kopf. Dafür habe ich einen Milchkaffee. Als die S-Bahn einfährt, fragt er mich, ob mir die halbe Stunde reichen wird. Ich muss lächeln und kriege das Gefühl nicht los, dass er ein professionelles Interview erwartet.

Um das Projekt zu erklären, erzählt er mir von seinem Freund. Dieser heißt Roman Polanski, hat nichts mit dem bekannten Regisseur mit dem gleichen Namen zu tun, aber filmt trotzdem gerne. Es war klar, dass sie ein Projekt machen wollen. Nach etwas rumspinnen seien sie auf die Bahn gekommen. Ob sie betrunken waren, will ich wissen. Er verneint und ich bin überrascht. Die meisten Menschen sind nur zu Verrücktheiten bereit, wenn sie zu viel trinken.

Betrunken war er nicht, aber naiv. Das wird mir klar, als er mir erzählt, er habe nur eine Banane dabeigehabt. Ich stelle mir vor, wie er die Frucht in 48 Teile zerschneidet, für jede Stunde einen. In Wahrheit aßen sie an Bahnhöfen in aller Eile und freundeten sich mit Mitreisenden an, die sie versorgten. Neben dem Hunger war der fehlende Schlaf ein großes Problem. Sie mussten oft umsteigen, außerdem musste mindestens einer aus dem Team auf das Equipment aufpassen.

Spätestens jetzt sehe ich ihn nicht wach vor mir sitzend, sondern schlafend auf zwei Sitzen ausgestreckt. Die Banane guckt aus seiner Tasche heraus. Um ihn herum liegen weitere Menschen, nur einer ist noch wach. Dieser richtet die Kamera auf die Schlafenden. Es ist kein Bild, was nach einer angenehmen Fahrt aussieht. Ich fahre gerne Bahn, 30 Minuten nach Frankfurt oder auch sechs Stunden nach Berlin. Aber nicht, wenn ich nach 48 Stunden wieder dort ankomme, wo ich startete.

Um die Aktion besser zu verstehen, will ich sie selbst erleben. „Nehme mich das nächste Mal mit!“, sage ich und er schüttelt entsetzt den Kopf. „Bahnfahren ist beendet. Das war anstrengender als gedacht, das will ich nicht mehr machen.“ Der nächste Plan habe vielleicht etwas mit Fliegen zu tun. Sie könnten in ein Flugzeug steigen ohne zu wissen, wo es hingeht. Er denkt an seinen Koffer mit Sommersachen bepackt in Alaska.

Um ihn trotzdem zu überzeugen, dass ich eine ehrwürdige Begleitung bin, erzähle ich ihm von meiner elfstündigen Fahrt. „Das würde ich nie tun!“, sagt er. Er sei immerhin mehr als das vierfache der Zeit unterwegs gewesen, entgegne ich. Trotzdem glaubt er, es sei ein Unterschied. Niemals würde er privat so lange unterwegs sein wollen. 18x Umsteigen sei ein Projekt gewesen. „Außerdem waren wir bekloppt!“


Seine lange Fahrt ist auf Youtube dokumentiert.

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