Bleib‘ hier

Ihr Blick ist klein. „Geh noch nicht weg.“ Ich bleibe sitzen. Sie ist geboren für ein großes Leben, doch sie kann nicht dafür bezahlen. Ihre runden Schultern verbergen ihr halbes Gesicht, die blonden Haare den Rest. Nur ihre Nase und ihre Wangenknochen passen nicht in ihr Versteck. Ihr kleiner Blick aus dichten Wimpern ist schon längst sicher verwahrt.

Trotzdem bleibe ich hier, denn sie braucht mich. „Du bist geboren für ein großes Leben“, sagt meine Körperhaltung und ihre Schultern werden noch ein bisschen runder. „Ein großes Leben und du musst nichts dafür bezahlen.“

Es ist kalt wie im Winter und aus unseren Mündern kommt nur der Atem. Auf dem Bahnsteig sind nicht viele Menschen außer uns und es ist zu voll. Wenn ich bei ihr sitze, denke ich in großen Dimensionen. Dann sehe ich mich im Horizont verschwinden, im Sturzflug die Abhänge erkunden.

„Hinter deinen Haaren steckt jemand, der sich traut. Ich bezahl‘ auch dafür.“ Sie bewegt sich nicht, dabei sollte sie in voller Größe leben. Als sie aufsteht, ist ihr ganzer Körper noch gesenkt. Trotzdem erwarte ich für einen Moment, dass sie sich aufrichtet.

Die Menschen gehen langsamer, der U-Bahntunnel zieht sich zusammen. Alle schauen auf sie. Als sie geht, ist der Moment vorbei. Wie ein verletztes Jagdtier schleppt sie sich an den Gleisen entlang. „Ich bin noch nicht fertig!“, sagen meine starren Hände. Ich bin noch nicht fertig.

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