Was Singen in der Bahn mit Angst zu tun hat

Main StreetIhr Arm schlingt sich eng um meinen und mit rauer Stimme kichert sie mir etwas ins Ohr. Ich verstehe sie kaum und sie muss es noch einmal erzählen. Caro Lobig ist bei mir in Berlin zu Besuch. Wir irren durch einen Bahnhof, den ich genauso wenig wie sie kenne. Meine übliche Strecke hatte sich wegen einer Umleitung verfremdet. Gerade kommen wir vom Bus und sind auf der Suche nach einem grünen S für die S-Bahnhaltestelle.

Im Schlepptau haben wir eine Freundin von Caro. Sie ist krank und kichert deswegen nicht mit. Eigentlich sind wir alle krank. Ich huste, Caro hat Halsschmerzen und ihre Freundin fühlt sich so schwach, dass wir sie morgens kaum zum Aufstehen kriegen. Aber trotzdem nehmen wir die Nacht mit. Sie ist nass, aber noch warm. Unser Schnupfen ist das erste Anzeichen für den Herbst.

Caro singt. Während wir in die Bahn einsteigen, ist es „Man in the Mirror“. Sie singt es nicht leise und ich muss an eine Konversation von uns denken. Diese ist mittlerweilse schon eine Weile her und dennoch ist sie mir im Gedächtnis geblieben. Sie hatte mir erzählt, wie schwer es ihr anfangs gefallen war, vor anderen Menschen zu singen. „Aber es ist gut, wenn ich mich selbst überwinde. Denn Angst ist ein Zeichen, dass man etwas zu verlieren hat. Und ich will gewinnen.“

Damals saß sie mit mir im Auto, drehte die Fensterscheiben weit auf und sang so laut, dass ein Mann bei den Bauarbeiten seinen Kopf hob und uns zuhörte. Und jetzt sitzt sie neben mir und singt für eine ganze Bahn. Der Regen perlt über die Scheiben, auf denen das Brandenburger Tor gedruckt ist. Caros Backen sind rot und sie singt frei und laut. Ich höre glücklich zu und ernenne diese Fahrt zu eine der besten.

Es ist Nacht und die Lichter spiegeln sich auf dem nassen Boden. Caro singt wieder und Menschen eilen an uns vorbei. Wir sind auf dem Weg von der Haltestelle zu mir nach Hause. Angst ist ein Zeichen, dass ich etwas zu verlieren habe. Und damit diese Fahrt noch ein wenig länger dauert, singe ich lauthals mit. Dabei treffen meine eigenwillige Interpretation der Töne und Caros Singtalent aufeinander. Und zusammen klingt es wunderbar.

Foto: flickr // von kadluba

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