Das Wiedertreffen nach zehn Jahren

15 Speed Limit SignSie sitzt mit krummen Rücken auf einem Fensterplatz und schaut hinaus. Ich erinnere mich daran, dass ich während Busfahrten immer gerne auf die rauschende Straße geschaut hatte. Als wäre sie in Bewegung. Die Haare des Mädchens sind lang und dunkel gefärbt. Sie denkt, sie muss anders werden. Ich setze mich zu ihr und sage: „Hallo Johanna.“ Sie zuckt zusammen. Natürlich weiß ich noch, dass sie ihren vollen Namen nicht mag. Das gehört dazu, wenn man anders werden will. Sie erwidert nichts. Sie weiß sofort, dass ich sie bin. Vor mir sitze ich vor fast zehn Jahren.Natürlich nicht. Vor mir sitzen in Wirklichkeit nur zwei Menschen, die mit ihrem iPhone Musik hören. Etwas, worum ich sie beneide, denn meins landete zuerst in einer Pfütze und dann auf dem Geschäftstresen meines Handyanbieters. Ohne Handy muss ich mich vielen Problemen stellen. Stellt euch vor, wie ich verlassen irgendwo stehe und weder weiß, wann die nächste Bahn fährt, noch wo die nächste Haltestelle ist. Dazu kommt, dass ich den Gesprächen sämtlicher Leute ausgeliefert bin. Tja. Hast du kein iPhone, hast du kein iPhone.

Im Vierersitz gegenüber von mir und den zwei iPhone-Besitzern sitzen zwei Mädchen von schätzungsweise 15 Jahren. Sie haben Ombré Hair mit diesen hellen Haarspitzen, diese modernen Taschen mit der Lasche und bunte Leggins, dessen Musterung mich schwindelig macht. Sie sehen also aus, wie man sich 15-jährige von heute vorstellt. Sie unterscheiden sich kaum, daher nenne ich sie Eins und Zwei. Das Gespräch der beiden ist laut und unnütz, ich bemitleide mich und zähle Flecken auf den Sitzen, um mich abzulenken.

Eins fragt ihre Freundin und den ganzen Zug: „Will Lisa eigentlich was von dem?“ Zwei isst Salat mit einer Plastikgabel und schüttelt den Kopf. „Doch, das hat die doch selbst gesagt.“ Dieser Teil der Konversation wird von beiden mehrmals wiederholt: „Sie hat selbst zugegeben, dass sie was von ihm will.“ – „Neiheiiin.“ Schließlich knickt Zwei ein: „Sie wollte vielleicht mal was von ihm.“ Das reicht Eins: „Gut, dann mach ich ihn jetzt klar.“ Sie weiß auch sehr genug, wie sie das tun kann. Sie schreibt ihm per SMS: „Willst du was von Lisa?“

Ich erwische mich, wie ich meinen Kopf gegen die Scheibe haue. Eine absolute Verzweiflungstat. Die beiden Mädchen sind keinen Moment lang still. „Stell dich nicht so an, du warst auch mal 15“, beruhige ich mich. Sofort antworte ich mir: „Ich war vielleicht bescheuert, aber ich habe nicht ständig davon geredet.“ Das ist der Moment, in dem ich mich selbst entdecke. Gebeugt und mit dem Rücken zu mir, Eins und Zwei. Ohne Ombré Hair und ohne Tasche, ich wollte nie etwas dabei haben. Im ruckelnden Zug stehe ich auf und setze mich zu ihr.

Es gibt viel, was ich ihr sagen will. Du weißt zwar, dass Zeit vergeht. Aber du weißt nicht, was es bedeutet, denn du erinnerst dich nicht an etwas vor letzer Woche. Du sollst wissen, dass du dich nicht erfinden musst, denn du passierst ganz automatisch. Trau dich, will ich sagen, sonst hast du nichts vom Leben. Mach, was du willst, denn du musst gar nichts. Außer vielleicht die Steuererklärung. Stattdessen zucke ich nur mit den Schultern, denn mit 15 versteht sie noch nichts. Für sie gibt es keinen Satz von sich aus der Zukunft. „Du wirst deinen Weg gehen“, denke ich und gehe zurück zu meinem Platz.

„Was ist dein Lieblingsessen?“, höre ich Eins fragen. „Salat“, antwortet ihre Freundin und bekommt sofort Widerworte: „Salat ist doch gar kein richtiges Essen!“ Zwei belehrt sie und den ganzen Zug: „Salat ist voll gut. Dann bleibst du schlank und kriegst keine Pickel.“ Fast bin ich glücklich, als das Thema durch eine SMS beendet wird: „Ich glaube, sie will was von mir. Aber ich will was von dir.“ Klargemacht. Ich muss lächeln. Wie 15-jährige Entscheidungen fällen… Vielleicht sollte sich nicht nur mein früheres Ich ein Beispiel an mir nehmen, sondern auch anders herum. Manchmal ist es nicht nötig, sich lange mit Entscheidungen aufzuhalten, obwohl ich schon weiß, was ich will oder was ich von wem will.

Foto: flickr // Vlastula

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2 Gedanken zu “Das Wiedertreffen nach zehn Jahren

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