Schwarzfahren

AufforderungMeine ersten Erfahrungen damit waren abschreckend. Mit einem lauten Knall fiel ein langhaariger Mann in die U-Bahn. Er landete nicht auf dem Boden, weil sich sein Arm noch außerhalb der geschlossenen Tür befand. Zwei Männer hielten ihn fest und brachten damit die Tür zum Öffnen. Der Mann mit den fliegenden Haaren schimpfte und fluchte, als die Männer ihn mit Mühe zurück auf den Bahnsteig zogen. Dabei fiel eine Bierflasche aus seiner Hand zu Boden, die in Scherben und Bierspritzer zerbarst. Ich erkannte die Verfolger als Kontrolleure. Seit dem Tag hatte ein Schwarzfahrer für mich ein Gesicht: Der Zottelige mit der Bierflasche.

Ich bin es nicht gewöhnt Tickets für Kurzstrecken zu kaufen. Stattdessen schlendere ich Schritte zählend oder Lieder summend zum Bahngleis. Dort warte ich seelenruhig auf die Bahn (wahrscheinlich direkt neben einem Fahrscheinautomaten und mit Kleingeld in der Jackentasche spielend). Wenn die Bahn ihre Türen schließt und anfährt, fällt mir meistens schockerstarrend ein, dass ich nicht im Studententicketbereich bin. Schwitzend zähle ich dann die Stationen und werde nervös, wenn neue Leute einsteigen. Erwischt wurde ich letztendlich nie. (Noch Denn ich lerne anscheinend nicht daraus.)

Ein Arbeitskollege bekam meinen Hang zur Schwarzfahrerei am Monatsende mit. Immer, wenn mein Ticket auslief, vergaß ich einige Tage lang mir ein Neues zu kaufen. Er rechnete mir vor, wie viel Geld ich sparen würde, wenn ich die Kontrollhäufigkeiten und die 40€ Strafe mit einbeziehen. Im Monat sind es 50 bis 100 Prozent des Ticketpreises. Trotz meiner Geldaugen erwiderte ich, das Schlimme sei für mich nicht die Geldstrafe, sondern das Gefühl beim Erwischtwerden. Mein Kollege lacht. Sein Lachen sagte mir, dass er zwar um einiges älter als ich ist, aber in meinem Alter zehn Mal cooler. „Für uns war Schwarzfahren früher eine Art Volkssport“, sagt er.

Es war Zeit, den Selbsttest zu starten. Zwei Wochen ohne Ticket fahren. Mindestens zwei Mal am Tag, wenn man davon ausgeht, dass ich sonst nicht mehr meine Wohnung verlasse. Ich war gelassen, da ich zuvor nie kontrolliert worden war. Dann wurde ein Freund von mir erwischt, der reflexartig vor den Kontrolleuren in die nächste U-Bahn davonrannte. Ich dachte an die dreckige Lache meines Kollegen und verzichtete weiterhin auf das Ticket. Das Bahnfahren wurde angespannter. Ständig schaute ich auf, wenn neue Menschen einstiegen. Kontrolleure setzen sich nicht, sie haben nichts in der Hand und sie tun nichts. Natürlich wurde ich nicht erwischt. Nachdem ich wieder ein Ticket habe, kontrollierte mich auch niemand. Aber jedes Mal, wenn ich mein Studententicket in der Hand halte, denke ich an meine Schwarzfahrerkarriere.

Foto: mkorsakov // flickr

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