Wie ich mich fast mit einem Behinderten prügelte

Schwanger, Kleinkind, Blind oder Alt? Typisch Wien!
Eine langsame Frau schiebt sich mit ihrem Rollwagen in die Bahn. Ich registriere sie nicht, weil ich nur körperlich in der Bahn sitze. Eigentlich besuche ich gerade unerforschte Urwälder und steige an einem Kletterseil in tiefe Höhlen hinab. „Entschuldigen Sie!“, brüllt die Frau mich an und mein Seil reißt.

Der Mann neben mir steht auf, um ihr Platz zu machen. Blinzelnd komme ich wieder in der Bahn an. „Entschuldigung“, murmel ich zu der Frau und sie zeigt mir tatsächlich ihren Behinderten-Ausweis. Ich nicke und entschuldige mich ein zweites Mal: „Ich habe Sie leider nicht gesehen, sonst hätte ich Ihnen gerne Platz gemacht.“ Ich gebe zu, dass diese Entschuldigung flach ist, da ich immerhin mit offenen Augen in ihre Richtung geschaut hatte. Sie ist in der Tat erbost und schiebt mich in die Schublade „Dumme Jugendliche“. Sie sagt: „Die jungen Leute sehen heute nie was.“ Da sie als Behinderte ein Recht auf meinen Sitzplatz hatte, sehe ich über ihre Beleidigung hinweg und nicke freundlich. Ein Lächeln zum Abschluss und ich denke, dass das Gespräch damit beendet ist.

Stattdessen mischt sich nun ein Mann, der uns gegenüber sitzt, ein: „Wissen Sie, ich kann Ihnen auch so einen Wisch zeigen.“ Er fängt an, in seiner Hosentasche zu suchen. Er zeigt ebenfalls einen Behindertenausweis in unsere Richtung: „Hier, genau so einen habe ich auch.“ Sein Ton ist aufbrausend. Er redet weiter und ich höre nur noch halb zu. Ich frage mich, weshalb er die Frau neben mir anschreit, immerhin wollte sie nur einen Sitzplatz. „Was wollen Sie eigentlich von mir? Ich will doch gar nicht mit Ihnen diskutieren!“, wehrt sie sich. „Diskutieren Sie doch mal mit der jungen Dame!“, schreit er noch lauter. Plötzlich verstehe ich, dass er nicht nicht sie, sondern mich angreifen will.

Da ich kaum zugehört hatte und schon fast wieder in die Höhlen hinabgeklettert war, verstehe ich nicht, um was es geht. Was hatte ich ihm getan? Ich wende mich an meine neue Verbündete: „Ich möchte nicht mit Ihnen diskutieren.“ Jetzt platzt der Mann von gegenüber. Er bewegt seine Gliedmaßen zuckend zu seinen Worten (auch seine absolut gesunden Beine) und kleine Spucktropfen fliegen zu mir: „Haben Sie einen Behindertenausweis?“ Als ich verneine, habe ich unseren Krieg besiegelt. Er richtet sich auf und klopft auf die Bahnwand. „Sie dürfen hier gar nicht sitzen! Lesen Sie mal dieses Schild!“, befiehlt er mir. So leicht lasse ich mich nicht belehren. Ich versuche es mit einleuchtenden Argumenten: „Dass Behinderte Vorrang haben, heißt nicht, dass ich hier überhaupt nicht sitzen darf.“

Jetzt beschießt er auch den Jugendlichen, der neben ihm sitzt, ebenfalls in der Zone mit Vorrang für Behinderte: „Er darf hier nicht sitzen!“ Dieser reagiert nicht und starrt mit Stöpseln in den Ohren in die Luft. Ein Arm des Behinderten mit den gesunden Beinen schießt auf mich zu: „Sie dürfen hier nicht sitzen!“ Er zeigt auf sich selbst und die Frau neben mir: „Sie darf hier sitzen, ich darf hier sitzen.“ Verloren schaue ich zu meiner Verbündeten, die keine ist, denn auch sie schaut mittlerweile Löcher in die Luft.

Weiterhin versuche ich es mit Vernunft: „Sie haben ja Sitzplätze. Wenn noch jemand mit einem Behindertenausweiß kommt, überlasse ich ihm meinen Platz.“ Ich verschweige meinen bissigen Kommentar, dass das Schild aus einem Rollstuhlfahrer und einem Männchen mit Stock bestand und ich sicher keinen Menschen meinen Sitzplatz überlassen werde, der auf einem Auge blind ist oder sonstige Macken hat, die ihm zu einen Behindertenausweis verholfen haben. Der Irre schreit unbeirrt weiter: „Sie dürfen hier nicht sitzen!“ Es folgen Beschimpfungen und Spucketropfen, die ich nicht mehr mitbekomme, da ich schon längst stehe.

„Jetzt hören Sie mir mal zu!“, schreie auch ich. Dann eben keine einleuchtenden Argumente und Vernunft. „Ich lasse mich nicht von Ihnen beleidigen!“ Er schreit lauter: „Sie sind ein untolerantes Balg!“ Ich schreie noch lauter: „Sie sind ein Arschloch!“ Dabei betone ich das Wort so stark, dass die ganze Straßenbahn zusammenzuckt. Dann gehe ich aus den offenen Bahntüren. Glücklicherweile ist es sogar meine Haltestelle. Der Behinderte steht nun auch auf seinen gesunden Beinen und schreit mir so laut nach, dass sich seine Stimme überschlägt: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie behindert werden und keiner für Sie Platz macht!“ Ich schreie nicht, denn so laut kann ich nicht mehr werden.

PS.: Der Kommentar meines Mitbewohners Sebastian dazu ist übrigens einmalig: „Du hättest ihn fragen müssen: (Und bei den folgenden Worten verzieht er sein Gesicht zu einer Grimasse mit unschuldig weiten Augen) Ist es Ihre Behinderung, ein Arschloch zu sein?“

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2 Gedanken zu “Wie ich mich fast mit einem Behinderten prügelte

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