Bond, Hanna Bond

Real Gangstas.
Vor meinen Augen sehe ich das Sofapolster. Es ist weich und noch warm von meinem Schlaf. Ich höre einen Fisch hinter mir durch das Aquarium hetzen und das Hörbuch, welches ich mit meinem Mitbewohner gehört hatte. „Wo sind meine Schnapspralinen?“, fragt das Känguru. Ich kichere im Halbschlaf. Das Hörbuch hatten wir angemacht, kurv bevor ich gehen musste. Kurz bevor ich gehen musste… Ich schrecke hoch. Shit! Im Hintergrund höre ich meine Bahn wegfahren.

„Oh Nein, Oh Nein, Oh Nein, Oh Nein!“, schimpfe ich mit mir selbst und laufe planlos vor dem Sofa im Kreis. Im Hintergrund höre ich noch das Hörbuch: „Ich hab deine Schnapspralinen nicht!“ Sebastian, mein Mitbewohner, lacht mich aus. „Was ist los?“, wagt er sich zu fragen und ich ziehe größere Kreise. „Ich muss in zwölf Minuten da sein und das war gerade meine Bahn!“ Sebastian ist amüsiert und denkt nicht an Mitleid: „Warum hast du dir keinen Wecker gestellt?“ Ich brause auf, weil er ruhig bleibt: „Hatte ich! Aber dann stellte ich ihn noch um eine Minute vor, dann noch eine, dann noch eine, und dann keine mehr.“

Ich erinnere mich zurück. Wir hatten das Sofa vor Sebastians Aquarium geschoben, um den Fischen zuzuschauen und dem Hörbuch zuzhören. Dann war die Decke über mir warm, mein Kopf schwer und meine Augen zu. „Blödes Sofa, blöde Fische, blödes Känguru“, murmele ich.

„Soll ich dich schnell fahren?“, fragt mein bester Mitbewohner und ich höre auf, im Kreis zu laufen. Das ist die Lösung. Ich sage: „Ja! Das ist die Lösung!“ Gemächlich steht er auf und zieht seine Schuhe an, als müsse ich nicht in zwölf Minuten, sondern in zwölf Stunden da sein. „Mach, mach, mach, mach, mach“, feuere ich ihn an und endlich verlassen wir die Tür. Ich bin so mit meinem Zuspätkommen beschäftigt, dass ich mich nicht mal über den Winter beschwere, obwohl er überall weiß um mich herum liegt.

„Wo parkst du, wo parkst du?“, frage ich und er macht mein Hüpfen nach: „Hermannstraße, Hermannstraße!“ Schon nachdem ich einsteige, sage ich „Danke“, falls ich es später vor Eile vergesse. Statt einer Antwort startet er den Motor und rast los: „Schneeeeell, die Ampel ist noch grün!“ Wir schaffen die Ampel und rasen eng um die Kurve. Erfreut mache ich das Geräusch von quietschenden Reifen nach. Sebastian schaut mich entgeistert an: „Hanna. Ernsthaft jetzt?“ Ich quietsche noch ein bisschen aus Trotz und er rast weiter die Straße am Staatstheater Darmstadt entlang.

Ich überlege, ob ich das Fenster herunterrollen und auf fiktive Autos hinter uns schießen soll. Ein Blick von Sebastian lässt mich den Plan verwerfen. Er rechnet aus, dass ich auf die Sekunde pünktlich sein sollte. „Schauen wir weiter Aquarium und hören die Känguru-Chronik*, wenn ich wieder Zuhause bin?“, frage ich und freue mich schon auf eine weitere Mütze Schlaf. „Klar“, sagt er und wirft mich raus in die Kälte. Mit quietschenden Reifen fährt er davon. Na gut, ich gebe es zu. Das Quietschen kam von mir.

Foto: flickr // _Fidelio
*Die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling

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