Der Schal, der für mich auf Reisen geht

schalDie Tür geht auf und mit den Worten: „Du hast zwei Päckchen bekommen“, fliegen zwei Gegenstände auf mich zu. Ich schaffe es nicht, auszuweichen und murre beleidigt die Tür an, die inzwischen wieder geschlossen ist. Ich sammle beide Päckchen vom Boden auf. Das erste ist von meiner Krankenkasse: „Herzlichen Glückwunsch zum 25sten, Sie dürfen uns jetzt jeden Monat 80 Euro zahlen.“ Das zweite ist allerdings interessanter. Es hat Luftpölsterchen und fühlt sich weich an. Ich muss nicht den Absender lesen, um zu wissen, von wem es ist. „Ich habe den Schal bekommen!“, rufe ich begeistert und kämpfe mich durch das Verpackungsmaterial.

Nach zwei Schichten Klebeband fällt mir ein grünes Bündel entgegen, außerdem ein mir vertrauter Parfümgeruch und eine dichtbeschriebene Postkarte: „Hoffe, unser Schal macht dir eine Freude. Bombay wartet auf uns! Deine Erika.“ Ich grinse breit und breite den Schal vor mir aus. Viele kleine Gegenstände sind daran genähnt, getackert, geklebt. Ich erinnere mich, wie wir ihn gekauft hatten. Es muss mittlerweile vier oder fünf Jahre her sein.

Damals standen meine Freundin Erika und ich vor einem kleinen Asia-Ramschgeschäft in Frankfurt und streichelten den Schal. Sein Grün machte uns glücklich und da es von seiner Art nur einen gab, kauften wir ihn gemeinsam. Die Regel war einfach: Jeder hatte ihn eine Weile und übergab ihn dann an den anderen. Ganz automatisch ergänzten wir die Bedingung, dass jedes Mal etwas neues am Schal sein müsse.

Mittlerweile sieht das grüne Stück Tuch sehr ramponiert aus, aber glücklich macht er mich immernoch. Ich habe ihn lange nicht gesehen und in Erinnerungen schwelgend betrachte ich die einzelnen Gegenstände. An einem heißen Sommertag in Mainz hatte ich in einem Knopfgeschäft eine Perle aus Lavagestein gekauft. Es war ein wunderbarer Tag, an dem ich mit einer Freundin dorthin fuhr, um meine Beine in den Rhein baumeln zu lassen.

Ein ehemaliges Münzstück mit der Aufschrift „HOLLYWOOD“ löst sich fast ab. Erst klebte ich es an, danach wurde es schon zwei Mal mit verschiedenfarbigem Garn angenäht. Die Buchstaben sind leicht verschwommen, da ich die Maschine zu schnell bedient hatte. Ich stand mit meiner Reisebegleiterin und einem dicken Sonnenbrand vom Venice Beach vor der Maschine. „Was ist das?“, fragte ich. Meine Reisebegleiterin betrachtete mich gelangweilt: „Kennst du das nicht? Da wirft man fünf Cent und einen Quarter rein und bekommt Tourizeug auf das Centstück gestanzt. Geldmacherei.“ Ich kramte schon in meinem Geldbeutel.

„Ein Stück Heimat für die HANA“, steht auf einem Baststück, der ein Teil meines Vorhangs war. Damals wohnte Erika in meiner Wohnung und schickte mir den Schal nach England, wo ich Au Pair war. Die Kinder liebten den Schal und zeigten immer wieder auf die gleichen Gegenstände und fragten nach der Geschichte dahinter. Einmal riss einer von ihnen etwas ab und wir verbrachten Ewigkeiten auf dem Teppich, um es zu suchen. Das war einer der schönsten Sommer meines Lebens. HANA, weil das Blume auf Japanisch heißt.

Zwei orange Plastikblütenblätter, die uns jemand auf einem Rummel geschossen hatte. Eine japanische Winkekatze von Erika und ein Button mit den Worten „London Underground“, den ich schnell beim Notting Hill Gate bei einem Trödler gekauft hatte. Ein Plastikblatt von einer Pflanze aus unserem Lieblings-Sushi-Laden Hai’s in Frankfurt, der mittlerweile geschlossen hat. Ein Stück pinken Stoff von meinem Abi-Shirt.  Ich erinnere mich noch daran, dass ich einmal folgende Worte zu Erika sagte: „Ich wünsche mir, dass wir uns eines Tages den Schal nach Dubai oder Valencia schicken müssen.“

Ich schnuppere an dem Schal, der nach so vielen Orten riecht. Nach Meersalz und rauhem Wind, nach Zigarettenrauch und kleinen Kinderhänden, nach Fish’n’Chips am Strand und kleinen Küssen am Hafen, nach Frankfurter Straßenlärm und kicherndem Tequila. Was soll ich dranmachen, was all dem das Wasser reichen kann? Ich weiß es schnell: Eine Erinnerung von uns gemeinsam fehlt.

Ich hielt die Videokamera in der Hand und filmte diesen Moment, in dem alles perfekt war. Wir waren in Erikas Auto, sie fuhr am Main entlang. Es war Sommer und sie erzählte von ihrem Vorstellungsgespräch, in dem sie geliebt wurde. Sie zog wenige Tage danach nach Frankfurt und überschlägt sich beim freudigen Reden. Auf meinen Schoß lag ein frischgekauftes Buch von Douglas Preston. Ich konnte kaum erwarten, das geschriebene Abenteuer aus den Seiten zu holen, denn das vorige Buch von ihm hatte mich zum Nächtedurchlesen gezwungen.

Diese Autofahrt war so mit Glück gefüllt, dass sie selbst beim Erinnern noch glücklich macht. Diese Autofahrt muss auf den Schal. Doch ein Stück von Erikas Auto bestitze ich nicht, das Buch ist längst verkauft und Erinnerungen sind schwer an Stoff zu nähen. Also wie soll ich diese Autofahrt an den Schal kriegen?

Musik: Drops of Jupiter – Josh Karpf, written by Train
Foto: Johanna Kindermann

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2 Gedanken zu “Der Schal, der für mich auf Reisen geht

    1. Oh, das ist gar keine schlechte Idee. Jetzt habe ich schon die Möglichkeiten eines ganu klein ausgedrucktem Foto und dem Profil eines Autoreifens. Danke für den tollen Ratschlag! Ich werde mal schauen, wie das umsetzbar wäre…

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