Blutige Autofahrt mit Finger in der Tupperdose

Blood SpatterWir stürmen aus dem Haus. Obwohl es Winter ist, trägt mein Mitbewohner Sebastian nur ein T-Shirt, seine Jacke hängt eilig über meinen Arm geworfen. Er hält seine Hand hoch in die Luft, diese ist notdürftig mit Mullbinden verbunden. Blutflecken drängen nach außen.

„Soll ich fahren?“, fragt er und ich strafe ihn mit einem autoritärem Blick. Gerade hat er sich ein Stück Finger abgeschnitten und jetzt macht er sich Sorgen um meine Fahrkünste. Ich behalte den Autoschlüssel in der Hand und wir stürmen an einer Gruppe 12-Jähriger vorbei. Ein Kleiner bleibt mit großen Augen stehen und sagt entsetzt: „Boah!“ Als er merkt, dass er das laut ausgesprochen hat, wird er rot. „Keine Sorge,“ sage ich, „es ist halb so wild. Wir haben nur die Schärfe unserer Messer getestet.“ Ich versuche lustig zu sein, um Sebastian zu beruhigen. Nachdem es passiert war, hatte mein Schock ihn nervös gemacht, deswegen schaue ich mir nun seine Reaktion ab. Der Kleine nimmt meinen Witz sehr ernst. Kein Wunder, durch den Verband und Sebastians abgeknickte Finger sieht es aus, als habe er sich sämtliche Fingerspitzen abgesäbelt. Die Gruppe mit den Kleinen drängelt weiter, ohne dass sie den Blick von uns abwenden können.

Wir hüpfen ins Auto und ich starte das Auto. Sebastian stöhnt auf: „Nicht so viel Gas!“ Ich wackele aus der Parklücke und kreise zur Ampel, über die wir einige Tage zuvor erst wie James Bond gebrettert waren. Jetzt ist sie rot. Als ich anfahre, ruft mein verletzter Beifahrer wieder: „Nicht so viel Gas!“ Jetzt wünsche ich mir, dass ihn seine Wunde doch etwas mehr mitnimmt, damit er aufhört zu meckern. „Ich muss mich ja auch erst mal an das Auto gewöhnen!“, rufe ich empört, aber für ihn zählt das Argument nicht: „Jaaaa, aber das ist schon das dritte Mal Anfahren, da hat man sich dran gewöhnt!“ Ich gebe mehr Gas und die Tupperdose mit der Aufschrift Apfelmus rutscht über das Amaturenbrett. In ihr befindet sich Eiswasser und der abgetrennte Teil des Fingers.

Die Navi-Frau unterbricht uns mit ihrer überdeutlichen Sprache: „In fünf- (kleine Pause) hundert Metern (kleine Pause) biegen Sie links ab. (Lange Pause) In drei- (kleine Pause) hundert Metern (kleine Pause) biegen Sie links ab.“ Ich kann sie nicht leiden und gebe ihr den Namen Cynthia. „Das Krankenhaus liegt geradeaus!“, korrigiere ich sie. „Biegen Sie JETZT links ab“, beharrt Cynthia. Ich rausche an der Abbiegung vorbei und bemerke, wie Sebastian schummrig zumute wird. „Hör auf!“, befehle ich. „Sonst wird mir auch schummrig.“ Entsetzt schaut er mich an. Ich weiß, was er denkt. Dass von all den Menschen, die ihn jemals ins Krankenhaus hätten fahren können, ich mit Sicherheit die schlechteste Wahl bin.

„Da steht KRANKENHAUS“, lese ich einen Wegweiser vor und biege ab. Die Tupperdose folgt schlitternd über das Amaturenbrett. „NOTAUFNAHME“, sage ich und will abbiegen. „NUR FÜR KRANKENWAGEN“, liest Sebastian das Schlid weiter. Seufzend drehe ich wieder um und suche einen neuen Eingang. Schließlich enden wir entnervt in einem Parkhaus und suchen per Fuß den schlecht beschilderten Eingang für Menschen, die es besonders eilig mit ihren Verletzungen haben. Ich unterdrücke mit Mühe ein Bild in meinem Kopf, wie ich einen bewusstlosen Sebastian über das Gelände schleife. Stattdessen bin ich froh, dass er einer Bewusstlosigkeit weiter entfernt ist als ich.

„He“, ruft Sebastian fröhlich einem Rettungssanitäter vor einem Krankenwagen zu. Seine blutende Hand ragt weiterhin hoch in die Luft. „Wo geht es denn hier zur Notaufnahme?“ Der Rettungssanitäter schaut ihn verwirrt an und er beschreibt einen verwirrenden Weg bis ans Ende des Geländes. „Das nächste Mal aber besser aufpassen, junger Mann!“, ruft er uns hinterher. Schließlich sitze ich in der Notaufnahme und starre die Tür an, hinter die eine Ärztin Sebastian gezogen hatte. Auf meinem Schoß liegt die Tupperdose mit dem angeblichen Apfelmus. Eine ältere Frau schaut mich mitleidig an: „Ist das Ihr erstes Mal hier?“, fragt sie und nickend erspare ich mir die Gegenfrage, das wievielte Mal es bei ihr war.

Auf dem Weg zurück zum Auto ist der frisch Verbundene fröhlich, während ich frierend mit den Zähnen klappere. „Ich habe Hunger!“, sagt er. „Ich auch!“, sage ich und schließe mich damit ihm an, den Unfall als unsinnigen Zwischenfall abzutun. Wir waren am Kochen gewesen, er hatte sein neues Messer begeistert ausprobiert und sagte: „Es ist wirklich scharf!“ Ich stand gerade am Herd, als er es wiederholte: „Oh, das Messer ist wirklich scharf.“ Ich drehte mich um und sah, dass an seinem Finger etwas fehlte. Wir stritten eine Weile, ob wir ins Krankenhaus fahren sollten, bis wir schließlich aufbrachen. Zwei Stunden später starte ich wieder den Motor und fahre aus der Parklücke. Vor Hunger schimpft Sebastian nicht einmal, ich würde zu viel Gas geben.

Foto: Blood Spatter // flickr: Heo2035

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