Die traurigen Frauen meines Abteils

Sad. Sadder.
„Habt ihr nicht gesehen, mit welcher tapferkeit er uns unterstützte?“ Die Lehrerin unterstrich das Nomen und schrieb ein rotes G an den Zeilenrand. Sie blickte auf die Uhrzeit auf dem Banner der Bahn. Bevor sie ankam, wollte sie mit der einen Latein-Klausur durch sein. Denn Zuhause traf sie sich lieber mit ihren Freundinnen, die sie seit der Schulzeit kennt. Noch heute erinnert sie sich an den Lateinunterricht, in dem sie immer nebeneinander saßen und über die Lehrerin gelästert hatten. Wenn sie sich nicht beeilte, gingen ihre Freundinnen alleine ohne sie weg und würden Gespräche anfangen, in die sie nicht mehr einsteigen konnte.

Die veraltete Stewardess blätterte in ihrer BUNTE. Die große Liebe eines Prinzenpaares war auf der Titelseite, „mit Macken“ hieß es weiter. „Wenigstens ist sie Prinzessin“, dachte die Stewardess und blätterte die Lippen zusammenkneifend weiter. „Die werden nie zu alt für ihren Beruf.“ Sie rückt ihre Lufthansa-Brosche zurecht und greift nach ihrer blauen Tasche, als die Bahn in den Frankfurter Bahnhof einfährt.

Die Dicke knotete schwitzend ihr geblümtes Halstuch auf und stopfte es in ihren Sportrucksack. Sie zupfte an ihrer roten kurzhaarfrisur herum und beobachtete einen Mann, der für die Bahngesellschaft arbeitete. Mit der Zunge fuhr sie sich unwillkürlich über die Lippen. Dann schreckte sie zusammen. Hat sie überhaupt ihre Fahrkarte eingesteckt? Sie kramte und fand sie zum Gück. Leider wurde sie nur von seiner Kollegin kontrolliert. Enttäuscht steckte sie sich Ohrstöpsel ins Ohr und hörte traurige Musik, die zu den anderen Fahrgästen schallte.

Die Frau mit dem senffarbenem Mantel tippte die gesamte Fahrt über auf ihrem iPhone. Sie wollte am Abend mit ihren Freunden grillen und er mochte nicht mit. Sie schrieb ohne abzusetzen: „Ich verstehe nicht, warum du deine Freunde sehen willst. Du warst doch erst letzte Woche mit ihnen eine Fahrradtour machen.“ Die Sache war klar. Er liebte sie nicht mehr wie früher, denn sonst war er immer mitgekommen. Deswegen hat sie doch einen Freund: Um miteinander Zeit zu verbringen. Traurig tippte sie die folgende Worte: „Wenn du nicht kommst, brauchst du überhaupt nicht mehr kommen!“

Müde saß ich auf dem Rand meines Sitzes und beobachtete die traurigen Frauen in meinem Zugabteil. Ich stellte mir vor, wie einfach es sei, dass sie wieder fröhlich seien. Die Lehrerin würde für eine Sekunde den Stift hinlegen, eine ihrer Freundinnen anrufen und fragen, ob sie auf die warten. Die veraltete Stewardess würde ihre Chance erkennen, etwas neues anfangen zu können und würde ihren eigenen Eis-Salon planen. Die Dicke würde den Bahnmitarbeiter ansprechen und wenn sie abgewiesen würde, würde sie es bei jemand anderem dennoch wieder tun. Die Frau mit dem senffarbenem Mantel würde ihr Smartphone in die Tasche stecken und sich einen schönen Abend zu machen.

Ich lehnte mich zurück und blinzelte in die Sonne, die durch das Fenster in das Abteil schien. „Puh“, dachte ich mir, „zum Glück ist das nicht meine Aufgabe.“ Und ich gähnte laut.

Foto: flickr // Sad.Sadder. von Michael Escanuelas

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