Schreiben in der Linie 3

Linie 3, Darmstadt„Was sind Elefantenbohnen?“, fragte ich und zeigte Egon die Stelle auf der Karte. Er zuckte mit den Achseln und schaute mürrisch: „Große Bohnen“, sagte er. Ich schaute mürrisch zurück und er versuchte sich zu erklären: „Ich bin kein Fan von ihnen, daher kann ich schlecht Werbung für sie machen.“ Die Antwort mochte ich und ich bestellte Griechische Elefantenbohnen mit würziger Tomatensauce und Brot. Draußen fuhr scheppernd die Straßenbahn vorbei.

Kurz vorher klingelte es an meiner Haustür und mir fiel ein, dass Xu vorbeikommen wollte. Mit drei Büchern und mehreren Zetteln (Der Herr der Fliegen, Die Unsterblichkeit, ein schlechter Krimi und veralteten Notizen oder wichtige Briefe) in der Hand öffnete ich die Tür und hörte jemanden die Treppe hochkommen. Das Echo der Schritte hallte durch das Treppenhaus. Ich ging in mein Zimmer, um die Bücher und die Zettel irgendwohin zu räumen, wo sie Ordnung vortäuschten. Als ich zurück war, war Xu gerade angekommen.

„Hallo Hanna!“, sagte sie wie nur sie es sagt. Es klingt immer so, als hätten wir uns viel zu lange nicht gesehen und obwohl wir verabredet waren, wirkte sie überrascht, dass ich tatsächlich die Tür geöffnet hatte. Sie umarmte mich und zerknautschte meinen Rücken dabei. „Wo gehen wir hin?“, fragte ich und versuchte mich zu beeilen. Ich hatte heute nur gefrühstückt und die Wohnung geputzt (nicht, weil ich außergewöhnlich fleißig war, sondern weil ich laut Putzplan dran war). An Xus Klamotten versuchte ich das Wetter draußen zu erkennen und entschied mich für eine lange Jeans.

Ich schlug das Godot vor, ein Café nicht weit von mir. Xu lag auf dem Ledersofa im Flur und machte ein langes „Hmmmmmmmmm…“ Ich schlüpfte in meine Schuhe und legte mich auf den Teppich neben dem Sofa. „Lass uns in die Linie 3 gehen“, sagte sie und ich fragte mich, ob sie sich in eine Straßenbahn setzen wollte. Sie verstand mein Schweigen richtig und richtete sich überrascht auf: „Du kennst die Linie 3 nicht? Die ist ganz nah und wird dir gefallen.“

Wir gingen los, dabei liefen wir einen weiten Umweg, weil Xu den Weg nur theoretisch kannte. Die Linie 3 ist ein Café oder Restaurant und zufälligerweise perfekt. Außerdem ist sie auch eine Straßenbahnlinie, die alle paar Minuten daran vorbeirattert. Xu ging zielstrebig zum Tresen aus rotgestrichenen Steinen und gab dem Mann dahinter Küsschen auf die Backen. Das war Egon. Wir wählten einen Platz am Fenster und bestellten: Fladenbrot und Elefantenbohnen, Ginger Ale und Earl Grey.

Das Café erinnerte mich an eins, welches ich für eine Geschichte erfunden hatte. Eigentlich war diese ein unfertiger Roman über das Wollen. Vor allem über das Herausfinden, was gewollt wird. Wie im fiktiven Café ist hier kein Stuhl wie der andere. Die Möbel sind alt, die Fenster groß und mit Palmen umrahmt. Im Tresen gibt es ein Fenster, durch das ich sechs verschiedene Kuchen erkennen konnte. An den Wänden hängen künstlerische Bilder in schwarz und weiß. Die Zuckerdose ist eine kleine Flasche.

Während ich auf das Essen wartete, begann Xu schon zu zeichnen. Sie malte ein Schlafmonster für ein neues Projekt von ihr. Ich sah mich um und erkannte, dass ich tatsächlich einen Ort gefunden hatte, an dem ich regelmäßig schreiben kann. Das unperfekte Café regte meine Kreativität an. Als ich gerade mein Netbook aus der Tasche holte, fiel mir der Name wieder ein. „Xu!“, sagte ich und sie schaute mit dem Stift in der Hand auf. „Das Café heißt Linie 3 und ich schreibe einen Blog über Bahnfahrten.“ Sie lächelte und highfivte mich.

Dann öffnete ich mein Netbook und fing an zu schreiben. Draußen fuhr scheppernd die Straßenbahn vorbei. Der Earl Grey ist dort übrigens gut, das ist wichtig für mein Stammlokal. Nur den Keks dazu mag ich nicht. Den könnt ihr gerne haben. Kommt doch mal an einem Wochenende vorbei und besucht mich. Vielleicht habt ihr ja eine gute Geschichte über das Bahnfahren zu erzählen.

Foto: Linie 3, Johanna Kindermann

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