Heute, 22.15: „Freunde mit Streichhölzern“

Abend in der Linie 3, Darmstadt

Ich wurde nur von einem Flammkuchen mit frischen Pilzen unterbrochen.

Wir ahnten noch nicht, welche abenteuerliche Erlebnisse auf uns warteten. Wir waren zu dritt auf dem Weg in eine Frankfurter Nacht. Xu, die Illustratorin meiner Bachelorarbeit und Erzählerin der „Karottenmädchen“-Geschichte, ich und Basti, der Neuling. Ihn hatten wir im Café Herrengarten aufgegabelt, eine Freundin hatte ihn mitgebracht. Die Nacht sollte die unsere werden und wir starteten sie am Darmstädter Nordbahnhof.

„Das hier könnte der Beginn einer Fernsehserie sein“, sagte ich und ihr Gelächter konnte ich nur hören, nicht sehen. Hinter ihnen strahlten mich die Bahnhofslampen an und ihre Umrisse erschienen schwarz. Bastian Gaffron, der Neuling, lachte laut und ungezwungen, seine Stimme überschlug sich. Xu kicherte gurrend in sich hinein, ein typisches Lachen für sie. Ich erklärte: „Es gibt einen Neuling in der Gruppe, was dem Zuschauer hilft uns alle kennenzulernen. Der Abend beginnt ausgelassen, aber!“ Ich hob meine Monsterarme und sagte mit tiefer, schleppender Stimme: „Die theatralische Musik verrät aber schon den grusligen Fortlauf der ersten Folge!“

Der Zug fuhr ein und auf dem Weg zu den zischenden Türen vergaßen wir meinen Gedanken.  Wir saßen der Reihe nach mit unserem Spiegelbild in der Fensterscheibe vor uns, da kam er mir wieder. Ein schönes Bild für die Kamera, dachte ich. In dem Moment stupste mich der Neuling von der Seite an. Er nickte zu einer Horde Männer rüber, die gerade in den Zug strömte. Sie hatten Bier in der Hand, auf ihren T-Shirts stand: „Er kommt echt unter die Haube.“ Einer hatte einen anderen Spruch: „Ich komm echt unter die Haube.“ Grölend tanzten sie an uns vorbei, einer prostete uns zu. Der Neuling flüsterte: „Welche Rolle haben sie in der Serie?“ Ich grinste: „Die ersten Opfer: Sympathisch, aber ihr Tod ist verkraftbar für die Story.“ Ich prostete mit meiner Schwarzen Dose zurück.

Unser Drehbuch wurde immer verrückter, dunkler, magischer. Wir erlangten Zauberkräfte, in den U-Bahn-Schächten wohnten Untote und Xu gehörte eigentlich zu unseren Gegnern, aber das wussten wir noch nicht.

Die Lichter Frankfurts um uns herum spornten uns noch mehr an und langsam füllte sich das Drehbuch unserer Serie. Xu hatte Streichhölzer aus dem Herrengarten Café einstecken und mit den Worten „Ich schnicke die gerne weg, damit sie im Flug Feuer fangen“, hatte sie uns für die nächste Zeit beschäftigt. Wir nahmen das Päckchen seitlich in die linke Hand und spannten zwischen es und einem Finger das Streichholz. Der Kopf ruhte schräg auf seiner Seite. Mit der rechten Hand schnipsten wir es nun von uns. Es funktionierte nicht und wir rannten viel, um die verlorenen Streichhölzer wieder einzusammeln. „Du musst nur stark an dich glauben!“, feuerte mich der Neuling an und ich konzentrierte mich auf den Streichholzkopf. Als ich schnipste, sah ich diesen plötzlich aufflammen. „Wooooooah!“, machten wir beide und schauten das brennende Holz auf dem Gehweg verliebt an. Seitdem klappte es fast jedes Mal. Der Trick war, es relativ weit unten anzuschnipsen.

Als unser Streichholzpäckchen leer war, schauten wir Xu bittend an. Wir wussten, dass sie noch mehr davon hatte. „Wir müssen lernen, unsere Kräfte zu kontrollieren!“, sagten wir. Unsere Sätze endeten alle mit einem Ausrufezeichen, um für mehr Dramatik zu sorgen. Xu gab uns unser Spielzeug nicht zurück. Angeblich, damit wir noch welche für später hätten. Aber in Wahrheit wollte sie uns keine mehr geben, damit wir waffenlos waren.

Dieser Beitrag ist in der Linie 3 entstanden. Meine beiden Begleiterinnen spielten Scrabble, während ich ihn schrieb. Ich wurde nur von einem Flammkuchen mit frischen Pilzen unterbrochen, der überraschend schnell aufgegessen war. Dazu gab es Zitronenlimonade. Mittlerweile wird es draußen dunkel und jetzt lehne ich mich bei Cello-Musik zurück, um den anderen Gästen heimlich beim Zeitung lesen, gestikulieren oder Suppe in sich hineinlöffeln zuzuschauen.

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2 Gedanken zu “Heute, 22.15: „Freunde mit Streichhölzern“

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