Lernen zu bleiben

DarmstadtNeben mir steht auf dem Sitz eine Tasche voller Dinge, die mir für eine Übernachtung sinnvoll erscheinen: Unter anderem ein ungelesenes Buch, ein Päckchen Tee und meine Zahnbürste. Daneben steht ein Blumentopf mit einer Pflanze. Die schattigen Bäume am Rand der Gleise lässt das Sonnenlicht auf der Tasche und meinem Gesicht beim Vorbeirasen flackern. Durch das offene Zugfenster wehen meine Haare durch mein Blickfeld. Das unverkennbare Geräusch des fahrenden Zuges ist laut genug, um die Gespräche um mich herum zu ersticken. Beim Einatmen schließe ich die Augen und als ich die Luft wieder aus mir herausfließen lasse, fühle ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Nein, ich gehe nicht weg. Ich gehe hin. „Du kannst nicht nach Offenbach ziehen!“, hatte meine liebe Freundin Caro Lobig gesagt. Sie scherzte nicht, sie hielt mich tatsächlich für verloren. „Du musst deinen Wanderrucksack packen und durch die Welt laufen, bis deine Schuhe vor Löchern auseinanderfallen!“, empörte sie sich weiter. Sie meinte es ernst, sie hielt ein Nomadenleben für meine Bestimmung. Dabei erkannte sie nicht, dass der ewige Wille fortzugehen auch bedeutet, dass ich nie dableiben kann.

Ich will lernen zu bleiben. Der Job in Offenbach sorgt dafür, dass mein großer Wanderrucksack für eine Weile im Stauraum verschwindet. In der Küche meiner ersten eigenen Wohnung wird die Pflanze stehen, die nun zwischen mir und der Tasche eingeklemmt ist. Es ist ein Federbusch, der wie weiche Pinselspitzen aussieht, dabei sind diese hart und robust. Ich ziehe nach Offenbach, zehn Minuten zu Fuß von meinem Arbeitsplatz entfernt. Jeden Morgen komme ich auf dem Weg an einer alten Frau vorbei. Sie schaut mit zusammengekniffenen Augen aus ihrem Fenster des ersten Stocks. Das erste Mal erschrak ich vor ihr. Ich bin mir sicher, sie ist verrückt. Dann begann ich ihr zuzunicken. Grimmig starrte ich sie weiterhin an. Vielleicht nickt sie irgendwann einmal zurück.

Mein Leben lang war ich auf dem Sprung. Ich hetzte durch die Stationen von Schulabschlüssen und wartete nur darauf endlich fortgehen zu können. In der Bewegung fühlte ich mich wohl. Ich sammelte Neuanfänge und behielt nur die nötigsten Dinge, um jederzeit für immer auf einen anderen Kontinent verschwinden zu können. Ich liebe diese Eigenschaft von mir, sie macht mich aus. Aber erst wenn ich gelernt habe, zu bleiben, kann ich gehen ohne auf der Flucht zu sein. Ich weiß nicht, was aus diesem Blog wird, wenn ich für eine lange Weile täglich nur noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sein werde. Sicher ist auf jeden Fall, dass ich meinen Wanderrucksack behalten werde, genauso wie diesen Blog.

Der Zug fährt in Frankfurt Hauptbahnhof ein und obwohl meine Augen noch geschlossen sind, spüre ich den kühlen Schatten. Ich hänge mir die Tasche um und trage den Blumentopf mit beiden Händen. Heißer Metallgeruch kommt mir entgegen, als ich die Treppen des Zuges hinuntergehe und das Gleis betrete. Ohne stehen zu bleiben, laufe ich zu meinem Anschlusszug, der mich nach Offenbach bringen wird. Meine Schritte sind sicher und die Pinselspitzen des Federbusches schwingen leicht mit.

Foto: Johanna Kindermann

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4 Gedanken zu “Lernen zu bleiben

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