Von Wahnsinnsweibern, Katzen und Rückwärtsgängen

KatzeDas war eindeutig meine Sommerschaffenskrise Nummer 2. Letzten Sommer war es genau so in Berlin, ich brauchte Wochen bevor ich mich akklimatisierte. Dabei gab es so viel, über das ich schreiben wollte. Doch dafür ist keine Zeit mehr, daher hier die Kurzfassung:

„Ihr könnt gerne nach Sparkassen und etwas zu trinken suchen, aber ich bleibe hier“, sagte ich und legte meinen Oberkörper erschöpft auf meinen Koffer, den ich den ganzen Weg von Darmstadt bis Frankfurt Süd geschleppt hatte. „Bist du sicher?“, fragte Xu und wollte sich schon neben mich setzen, aber ich scheuchte sie weg. „Bist du sicher?“, fragte Pia, die es nicht lassen konnte mir meine Tasche zu tragen. „Ja!“, rief ich und konnte nicht fassen, dass mich niemand alleine lassen wollte. „Bist du sicher?“, fragte mich auch meine ehemalige Mitbewohnerin Bianca. „So lange ihr wieder da seid, wenn der Zug abfährt!“ Endlich hatte ich sie überzeugt und sie strömten aus. Der Neuling Bastian drehte sich noch einmal kurz um: „Bist du sicher?“ Ich seufzte in meine Armbeuge und sah ihre Haarschöpfe die Treppenstufen hinunterhüpfen. Dann musste ich kichern. Was für Affen ich als Freunde habe. Zum Glück.

Wenige Tage später: Meine Pia schaute mich kritisch an und sagte in die Runde, obwohl sie mich damit meinte: „He, Leute, wäre es nicht besser, wenn wir den Umzugswagen anders herum parken? Dann kommen wir besser an das Zeug ran.“ Ich hatte befürchtet, dass jemand auf diese Idee kommen würde und schüttele den Kopf: „Das Teil steht und ich bewege es nicht mehr weg.“ Pia streckte ihre flache Hand aus und verlangte den Schlüssel. Dann knallte die Tür hinter sich zu und ich hörte das Fahrzeug ächzen. Ich wusste nicht, wie es passiert war, aber plötzlich saß ich neben ihr auf dem Beifahrersitz. „Du hättest mir ruhig mal sagen können, wie ich die Handbremse löse“, sagte Pia und lächelte mich gelassen an. Was ein Hammerweib, dachte ich und zog wimmernd an dem Schalter für das Lösen der Handbremse. Das Umzugsauto machte einen Satz nach hinten und Autos fingen an zu Hupen. Pia fuhr ein Stück nach vorne und weiteres Hupen folgte. Beim nächsten Satz nach hinten schnallte ich mich schnell an und wurde beim Vorwärtsfahren fast vom Gurt erdrosselt. „Warum stressen die denn alle so?“, wunderte sich Pia und polterte den Bordstein rückwärts hoch. Bastian, der Neuling hörte auf sie mit den Armen hineinzuwinken und ich hörte das Auto erleichtert seufzen. Pia sprang hinaus (ich tastete mich eher mit wackeligen Knien nach draußen) und sie stemmte ihre Arme in die Hüften: „Ach so, das ist eine Einbahnstraße. Kein Wunder, dass die alle so Hupen.“ Ein vorbeifahrender Taxifahrer zeigte ihr einen Vogel.

„Das ist das zweite Mal, dass du mir bei einem Umzug hilfst“, sagte ich und mein guter Freund und Kommilitone (immerhin bin ich noch offiziell bis Ende dieses Monats Student) grinste breit und nickte. Wir saßen zu dritt vorne in einem Umzugswagen, gerade auf dem Weg zurück nach Darmstadt, um die zweite und letzte Ladung zu holen. Wir fuhren mit offenem Fenster schwitzend und der schlechten Radiomusik lauschend die Autobahn entlang. Es fühlte sich fast an wie in den Urlaub fahren. Statt einem leerem Raum hinter uns, lägen Schlafsäcke, ein Grill und ein Kasten Bier (und Apfelwein für Bianca) drin. Wie lange müsste ich weiter geradeaus fahren, um ans Meer zu kommen? Alle Autobahnen müssten im Meer münden. Ich lächelte zufrieden. Trotz Umzug fühlte ich mich entspannt und stressfrei. „Boah, ich brauche einen Red Bull“, raunzte Bianca. Und so hatte sie es geschafft meinen romantischen Tagtraum zu zerstören. Gerade wollte ich mich bei ihr beschweren, aber es kamen andere Worte aus meinem Mund: „Ich hab auch Bock auf Red Bull.“
Etwa zwei Wochen später: Ich saß in der U-Bahn Richtung Frankfurt Südbahnhof, um von dort die RB nach Offenbach zu nehmen. Der ergraute Mann gegenüber von mir schaute mich an. Sein Kopf war rot und verschwitzt. Sein Blick traf meinen und er schaute fragend auf die Box auf meinen Knien. Darin sah ich gelbe Augen, die mich ängstlich anflehten. Die Augen miauten. Das Mädchen mit der Zahnspange neben dem Mann fragte mich: „Ist darin eine Katze?“ Ich nickte und Schweiß rann mir den Nacken hinunter. Es war verdammt heiß und ich machte mir Sorgen um das Tier auf meinem Schoß. Es miaute und ich flüsterte: „Ich kann hier nicht zurückmiauen.“ – „Miau…“ Der Mann und das Mädchen schauten mich an. „Miau“, kam es aus der Transportbox. Ich blickte in die gelben Augen und sagte leise: „Miau.“ Der Mann und das Mädchen lächelten plötzlich. Die Augen in der Box wurden runder und sie fragten: „Miau?“ Und ich machte wieder: „Miau.“ Die beiden mir gegenüber strahlten. Mit einem Zischen blieb die U-Bahn stehen und sagte: „Frankfurt Süd. Ausstieg links.“ Ich hob die Transportbox hoch und sagte wie selbstverständlich: „Gleich sind wir Zuhause.“ Der ergraute Mann nickte zum Abschied.

Jetzt sitze ich im Bett in meiner neuen Wohnung. Meiner eigenen Wohnung, die ich mit einer Katze teile und endlich schreibe ich wieder. Lange Zeit viel mir das schwer, denn ich dachte: Was soll ein Blog über das Unterwegssein, wenn ich still stehe? Genau jetzt habe ich eine Erkenntnis: So ein Quatsch, ich bewege mich rasend schnell. Eine Katze haben, den Stromzähler lesen und fest angestellt sein hat nichts mit Stillstand zu tun. Und während ich das schreibe, überlege ich, ob ich mir noch einen Tee mache, bevor ich ins Bett gehe. Denn nichts ist schöner als mit einer Tasse Tee und einer schnurrenden Katze im Arm im Bett zu liegen. In der eigenen Wohnung.

Ach so, noch zum Abschluss: Dieser Blog wird anders werden, denn nun ist alles anders. Wie weiß ich noch nicht, aber er wird gut.

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