Auf den Schienen meiner Heimat

Wir liefen auf den Straßenbahnschienen. Zwischen den beiden Schienen in die unterschiedlichen Richtungen waren Pflastersteine und darauf schritten unsere Schuhe. Es war der 31. August und mein letzter Tag als Studentin.

Neben mir war Xu, die ebenfalls ihren letzten Tag erlebte, an dem sie mit ihrem Studententicket fuhr. Eigentlich setzte sie nur aus, da sie das folgende Semester in Lissabon verbringen wird. Es fühlte sich an, als sei es auch ihr letzter Tag, weil das Schicksal Mitleid gehabt hatte.

„Tzz“, machte ich.
„Was ist?“
Wir hatten mittlerweile die Haltestelle erreicht, an der schon mehrere Leute auf ihr Smartphone schauend auf die Straßenbahn warteten. Ich schaute Xu fragend an: „Was soll sein?“
„Du hast geseufzt.“
„Ich habe an das Schicksal gedacht. Bahnfahren ist so teuer!“
Kaum einer hätte diese beiden Sätze aus mein meinem Mund miteinander in Verbindung gebracht, Xu schaffte es. Sie sagte mit großen Augen: „Ich weiß!“

Verschlafen schauten wir auf die Schienen, auf die wir gerade noch gelaufen waren. Vor fünfzehn Minuten hatten wir noch geschlafen, obwohl es fast 18 Uhr war. Ich war eineinhalb Stunden zu ihr unterwegs gewesen, um Falafel zu essen und einen Film zu schauen, bei dem wir eingeschlafen waren. Ein gut gelungener Sonntag. Jetzt war Xu auf dem Weg ins Café Chaos, wo sie arbeitet. Und ich befand mich auf meiner letzten Fahrt als Student.

Xu wohnt übrigens nur eine Station von meiner alten, zeitweisen Heimat in Darmstadt, in der ich noch vor einem Monat in einer WG lebte. Ich kannte also den Bäcker hinter der Haltestelle, den Copyshop gegenüber und die Schienen dazwischen. „Eine angenehme letzte Fahrt“, dachte ich, „Fast wie Schicksal.“

„Ich gebe ein Abschiedsessen“, sagte Xu und dann: „Stehen meine Haare ab?“
„Nö“, antwortete ich, „aber vielleicht solltest du dir den Zopf trotzdem noch einmal  neu machen.“ Die meisten ihrer Haare waren außerhalb ihres Zopfgummis.
Sie überlegte kurz und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. Ich musste grinsen, denn ich wusste genau, dass sie dazu noch zu müde war.
„Ich wollte schon immer mal ein Abschiedsessen geben“, sagte sie.

Die Straßenbahn kam und und quietschte durch die Berührung mit den Schienen. Die Autos hielten, um uns über die Straße zu ihr zu lassen. Ich vergaß einen letzten Blick auf meine alte Heimatstraße als Studentin zu schauen. Stattdessen versuchte ich mich an der Stange festzuhalten ohne einen Menschen zu umarmen.

„Ich esse jetzt erst mal was im Chaos“, sagte Xu. „Ich habe überhaupt keinen Hunger, aber sonst bin ich später so wäh.“ Ich hatte noch Falafel im Bauch und dachte voller Sehnsucht an das Buch in meiner Tasche, welches ich gleich auspacken würde. Und so begann ich meine letzte Fahrt als Studentin ohne es zu bemerken.

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