Rum zum Frühstück und geklaute Zigarren

Rum beer on stepsAn meiner Wohnungstür hängt ein Zettel: „Mit Möbeln und Tee zu vermieten“. Mein erstes Ziel ist Amsterdam. Dort treffe ich auf seltsame Gestalten. Sie reden kaum und essen den Dreck unter ihren Fingernägeln. Doch ich bin selbst ungewaschen und ausgehungert, daher folge ich ihnen auf Deck. Sie geben mir zu Essen, salzigen Fisch, und ich teile es mit meiner Katze. Diese verliebt sich sofort in einen Schiffsjungen, der ihr über den Nasenrücken streicht.

Nachdem mich Schlaf und Essen gestärkt haben, versuche ich die Piraten davon zu überzeugen mich mitzunehmen. Sie wollen nicht. Ich sei zu schwach und das Reisen nicht gewöhnt. Doch dieser Satz macht mich so wütend, dass ich aufspringe. Ich prügel mit Argumenten auf sie ein, doch sie lachen über das kleine, tobende Mädchen. Schließlich ist es der Schiffsjunge, der sie überzeugt: „Lasst sie mitfahren. Wenn sie den ersten Raubzug überlebt, kann sie ja bleiben.“ Und als das Schiff ausfährt, hüpft mein Herz.

Das Leben auf einem Piratenschiff ist hart, für mich aber am härtesten. Ich erledige typische Frauenarbeit, denn ich kann weder Messer wetzen noch uns um Felsen herum lenken. Stattdessen nähe ich Knöpfe an und koche Reis. Obwohl mich niemand ernst nimmt, fühle ich mich gut, so lange das Schiff von einer Welle auf die nächste schwingt. Langsam werde auch ich zur Piratin. Ich trinke Rum zum Frühstück und putze keine Zähne. Meine Zunge schmeckt immer salzig und wegen eines Streits und einem fliegendem Messer habe ich eine dicke Narbe im Gesicht.

Und irgendwann ruft mich der Captain zu sich. Er steht am Steuerrad. Sein grinsendes Nicken verrät mir sofort, dass ich nun lernen darf das Schiff zu lenken. Ich ergreife es mit beiden Händen und versuche es feierlich aussehen zu lassen. Doch das Rad reißt mich mit sich, überrascht von der Kraft kämpfe ich darum nicht die Kontrolle über es zu verlieren. Unwissentlich, dass ich diese schon lange verloren hatte.

Jahre später bin ich noch immer an Deck. Die Sonne geht gerade unter und an den starken Wind bin ich so gewöhnt, dass ich ihn kaum bemerke. Der Schiffsjunge sitzt bei mir und wir rauchen geklaute Zigarren. Meine Katze sitzt auf meinen Füßen und beobachtet die streitenden Möwen über unserem Kopf. Wir nähern uns dem Festland. Wir erzählen uns gegenseitig von unseren Kämpfen. Eigentlich kennen wir schon alle Geschichten voneinander, aber jedes Mal werden sie dramatischer.

Der Schiffsjunge zückt sein Messer und mimt eine Kampfhaltung. Er erzählt mit muskelbepackter Stimme und mein Körper schüttelt sich vor Lachen. Meine Katze lässt wegen meiner abrupten Bewegung empört ihre Krallen über mein nacktes Bein fahren. Sie tapst davon und jagt im Wind wehenden Schiffstauen hinterher. Ich fühle das Déjà-vu und suche nach dem verlinkten Bild. Es ist eines aus vergessenen Zeiten in meiner Wohnung. Ein naives Ich mit blonden Strähnchen lässt eine Schnur über der Schnauze ihrer Katze zucken.

Mit diesem Bild kommen andere. Diese beinhalten Menschen. Sie umarmen mich aus dem Nichts, streichen mir das Haar aus dem Gesicht und überfressen sich mit mir an Pfannkuchen. Und mein Piraten-Ich zieht mit trockenen Lippen an der Zigarre und hält ihr Gesicht in den Wind. Sie denkt: „Also deshalb hätte ich dableiben sollen.“

Foto: flickr // Timothy Swinson

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