Sommerwind

sunEs ist ein freier Tag und ich laufe durch nasse Straßen. Es ist wichtig an freien Tagen möglichst wenig Pflichten zu haben. Am besten arbeitet man alle wichtigen To Dos schon vorher ab, egal wie stressig es wird. Denn nichts ist schöner, als einen Tag ohne Pläne vor sich liegen zu haben. Dann kann alles passieren.

Als die Sonne durch die Wolken und das Geäst über mir durchbricht, hat sie eine Überraschung für mich: Sie nimmt mich mit auf eine Reise. Ich denke: Warum nicht? und ergreife ihre ausgestreckte Hand.

„Erinnerst du dich?“, fragt sie mich, „Letztes Jahr um etwa die gleiche Zeit.“

„Pfffff“, mache ich, „nein, nicht wirklich.“

Die Sonne zückt ihr Smartphone und sucht für einen Moment. Dann hält sie es mir entgegen und macht ein Gesicht, als hätte sie mich gerade vor Gericht überführt. Ich höre ein Lied, welches nach Sommer schmeckt. Ich nicke höflich und tue so, als kenne ich es nicht: „Ein gutes Lied. Das sollte man immer spielen und für einen Moment vergessen, dass kein Sommer ist.“

„Das hast du damals auch gesagt!“, sagt die Sonne ungeduldig. Dann tritt sie näher an mich heran, so nah, dass ich ihren Wimpernaufschlag spüre. Mit der einen Hand hält sie mich noch immer fest, die andere streicht sanft über meinen Rücken. Eine lange Bewegung von meinem Hals bis zu meinem Becken.

„Das ist der warme Wind, der über deine Haut weht.“ Ihre Finger sind warm und trotzdem bekomme ich Gänsehaut, wo sie mich berühren.

Schnell stoße ich sie von mir weg und rufe: „Schon gut, schon gut! Natürlich erinnere ich mich an diese Zeit letztes Jahr.“ Warum muss sie mich so ärgern? Ich fühle mich unkontrollierbar und will weiterlaufen, in den Schatten der Häuser.

„Und?“, sagt sie leise. Ganz, ganz leise: „Und?“

Ich bleibe stehen, mit dem Rücken zu ihr gewandt. Sie hat Recht. Noch einmal finde ich zurück zu der Erinnerung: Draußen dichte Wolken, in meinem Zimmer der Sommer. Nasse Haare über meinem Gesicht und lange Bewegungen über meinem Rücken, ein Flüstern: „Das ist der warme Wind, der über deine Haut weht.“

Eine schöne Erinnerung. Ich grinse. Eine schöne Erinnerung! Ich bin bereit mich wieder zu erinnern und als mich diese Erkenntnis trifft, mache ich aus Versehen zwei kleine Luftsprünge. Ich muss kichern und drehe mich um, um der Sonne zu sagen, dass sie Recht hat. Doch sie ist schon wieder 149.600.000 km von mir entfernt am Himmel.

„Bis zum Sommer!“, ruft sie mir zu und weil es so schön war, laufe ich gleich noch mal die sonnendurchflutete Straße entlang. „Bis zum Sommer!“

Foto: flickr // roxweb

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