R001: Der Umzug zum Jupitermond

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„Kannst du die Erde sehen?“, fragte Lori und beugte sich schwer auf mich.
„Au!“, sagte ich, obwohl es kaum schmerzlich war, eher unangenehm. Sie lag auf meinem Arm. „Was soll das?“
Meine Schwester Lori wollte mich nicht hören. Einige Sterne spiegelten sich in ihren Augen, während sie aus dem Fenster schaute.
„Das da, das ist sie.“ Sie zeigte hinaus in das Schwarz, ohne dass ich die Erde finden könnte.
„Ja“, sagte ich einfach. Denn es war nicht wichtig, ob ich sie sah oder nicht. Wichtig war, dass ich sie nie wieder sehen würde.
„Glaubst du, wir sind noch am Leben…?“
Lori machte ein Explosionsgeräusch nach und ein fragendes Gesicht, ich nickte. Wieder spiegelten sich die Sterne in ihren Augen. Es wirkte wie ein zweites Universum in ihr drin.
„Sie sagten, dass es nur noch fünfzig Jahre dauert.“
Sie drehte sich von mir weg und knautschte ihre Haare. Sie griff mit ihrer rechten Hand hinein und knetete und zwirbelte sie, das war schon kein Spielen mehr. Das tat sie immer,  wenn sie alleine sein mochte.
Also versuchte ich nicht an die Erde oder meine Freunde dort zu denken. Stattdessen schaute ich mich um. Meine Augen trafen die Blicke eines Mädchens von vielleicht vier Jahren. Ihr Gesicht war nass vor Tränen und Rotze, ihre klebrigen Hände umfassten fest die Armlehne. Ihre Mutter saß hinter ihr und schlief mit erschöpftem Gesicht.
Ich lächelte, doch das Mädchen reagierte nicht, sie schaute mich einfach an. Ich sah keine Angst, keine Fragen, nur pure Resignation. Als wüsste sie schon, was passieren würde.
Als wir plötzlich mehrere Meter nach unten sackten, schrie niemand. Die Mutter schlief sogar weiter. Nur Lori griff fest nach meiner Hand und hauchte undeutlich meinen Namen: „Leon!“ Ab diesem Moment begann ich mich machtlos zu fühlen.
Bis heute erinnere ich mich an den Druck ihrer Hand, die meine mit ihren Fingern umschloss. Es ist die letzte Erinnerung, die ich von meiner Schwester habe.
Beim zweiten Ruckeln wurde die Mutter wach und schaute sich verärgert um. Die Augen des Kindes ruhten weiter auf mir.

Fortsetzung folgt.

Foto: flickr//Waithamai

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