R002: Strom und Gas

Amelies Finger schwebten gekrümmt über den Tasten. Auf ihrem Bildschirm blinkte der Cursor in einer begonnen Mail. Dort stand: Hallo.

Schließlich zog sie ihre Hände weg und stützte ihren Kopf darauf. Unzufrieden starrte sie auf das Hallo. Der Anfang war immer das Schwierigste, fand sie. Der musste Interesse wecken und gleichzeitig perfekt sitzen. Stimmt der Anfang nicht, kann der Rest nichts mehr werden.

Das gilt bei allem. Schaffte es Amelie früh aufzustehen, um in Ruhe einen Tee zu trinken, ging sie pfeifend aus dem Haus. Vergrub sie bis zur letzten Minute ihren Kopf in den Kissen, schaffte sie bis zum Abend fast nichts.

Genau das wollte sie ändern. Sie wollte Dinge schaffen. Frühaufsteherin sein, immer rasierte Beine haben und Träume leben. Nun schien es so, als hinge alles von dieser einen Mail ab. Amelie seufzte und löschte das Hallo, indem sie mehrmals brutal mit ihrem Mittelfinger auf die Löschtaste haute. Dann tippte sie: Hallo Simon!

Es war über fünf Jahre her, dass sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte und auch damals hatte sie ihn kaum gekannt. Was schreibt man einem fremden Menschen, der kein Interesse daran hat von einem zu hören?

Amelie lehnte sich zurück und zog ihre Decke bis zum Hals. Ständig war ihr kalt, aber sie sah es nicht ein im April noch die Heizung anzumachen. Ihr Blick verlor sich in den hässlichen Hubbeln der Rauhfasertapete.

Simon war ein dünner, unscheinbarer Junge gewesen, der immer Widerspruch gegeben hatte. Er hatte genau in ihrem rechten Blickwinkel gesessen und nach jeder ihrer flammenden Rede meldete er sich. Hemingway nannte er einen versoffenen Sack, die Buddenbrooks verbrannte er nach dem Abi feierlich auf dem Schulhof.

Drei Jahre lang kämpfte sie unerbittlich darum, die bessere Deutschnote im Zeugnis zu bekommen. Einen Krieg, den er unbemerkt gewann und wegen dem sie jahrelang nichts mehr geschrieben hatte.

„Ich verstehe nicht, warum alle immer so viel auf die Bedeutung geben. Mir ist es egal, wie viel zwischen den Zeilen steht, wenn der eigentliche Inhalt nicht unterhaltsam ist“, hatte er während einer Debatte über einen großen deutschen Literaten gesagt und diese Worte waren ihr im Gedächtnis geblieben.

Dennoch dachte sie sofort an ihm, als sie beschloss, ein Buch zu schreiben. Zuerst verbrachte sie eine lange Zeit damit ihrem Spiegelbild zu sagen, dass sie das wollte, bis sie es nicht mehr peinlich fand: „Ich möchte ein Buch schreiben. Ich möchte ein Buch schreiben.“ In ihrem Umfeld klang das wie, als wolle sie Astronaut oder Sänger werden. Nachdem sie mit stolz laut sagen konnte, dass sie ein Buch schreiben wollte, wusste sie, dass Simon es lesen musste. Es musste seinem Test bestehen.

Es klingelte und sie verharrte. Sie wartete, ob der unangekündigte Gast einfach von alleine verschwinden würde. Das tat er nicht, es klingelte nochmals. Sie wickelte die Decke um ihren Körper und lief zur Tür.

„Ich bin hier, um den Strom und das Gas abzulesen“, sagte er, wahrscheinlich schon zum zwanzigsten Mal an diesem Tag.

„Klar“, sagte Amelie und ließ ihn in den Flur. Der Mann wischte seine Hände an seiner orangen Latzhose ab und öffnete den Sicherungskasten. Amelie fragte sich, ob er für diesen Job morgens leicht aus dem Bett kam.

Während er schwer atmend die Zahlen notierte, stand sie daneben und ließ die Zeit vorbeigehen. Schließlich fragte sie: „Schreiben Sie in ihrem Beruf oft Mails?“

„Nö“, sagte der Mann ohne aufzublicken.

„Und privat?“

„Haben Sie einen Kellerschlüssel?“

„Was?“, fragte sie.

„Ich muss noch in den Keller.“

„Ich habe einen Kellerschlüssel.“

Der Mann öffnete sich selbst die Tür und verließ die Wohnung. Amelie folgte ihm.

„Aber wie schreiben Sie denn eine Mail, wenn Sie mal eine schreiben müssen?“

Angestrengt schaute der Mann sie an und wischte wieder seine Hände ab. Sein Blick beschrieb, wie sehr er sich wünschte, mit den Leuten nicht reden zu müssen.

„Ich schreibe einfach, was ich will“, sagte er schließlich. „Deswegen schreibt man doch Mails, oder?“

Dann ging er die Treppenstufen zur nächsten Wohnung hinauf und fragte nicht mehr nach den Kellerschlüsseln. Unschlüssig blieb Amelie kurz stehen, dann wurde es ihr im Treppenhaus zu kalt.

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Ein Gedanke zu “R002: Strom und Gas

  1. Lieblingssatz: “Sie wollte Dinge schaffen. Frühaufsteherin sein, immer rasierte Beine haben und Träume leben.”

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