Verwunschen

Vor einigen Tagen ging ich eines Nachmittages durch ein verwunschenes Tor. Obwohl nichts Großes passierte – kein Tusch, kein Gewitter mit himmelerhellenden Blitzen, kein Engelschor – änderte sich dadurch der Rhythmus, in dem mein Blut durch meinen Körper pulsiert.  Und noch während meine Verbündete Xu mich an der Hand Richtung des Tores zog, wusste ich: Es war verwunschen.

Es war kein schöner Tag. Am Abend zuvor hatte es geregnet und die Wolken hingen noch immer unbeweglich über den Häuserdächern. Unsere Köpfe waren überfüllt: Wir müssen noch einkaufen, wo gibt es fluorisierende Sprühfarbe, haben wir genug Rum? Xu war erst umgezogen, in mir schwirrten jede Minute Fragen über meinen Berlin-Plan und den damit verbundenen Unsicherheiten.

Wir hatten einen engen Zeitplan, trotzdem gingen wir ohne zu zögern auf das Tor zu. Es führte auf einen verlassenen, von Bauschutt eingerahmten Hinterhof. Das Gras wuchs wild und unbekümmert. Neben dem verlassenen Haus ragte eine kleine Mauer hervor, auf die wir uns setzten. Eine leere Bierflasche verriet, dass wir nicht die ersten waren.

Darmstadt ReisezielWir sagten wenig. Xu rauchte und ich hörte den Geräuschen zu, die uns umgaben: Blätterrascheln, ein entferntes Gespräch, eine Hummel summte und irgendwo spielte Livemusik. Xus Zigarette glühte und weiße Asche tanzte durch die Luft. Ich musste an ein Bild denken, welches an der Wand meiner Mutter hing. Darauf war ein sitzender Ritter zu sehen, daneben stand ein Zitat. Ich erzählte meiner Verbündeten davon und zitierte frei aus meiner Erinnerung heraus:

„Fremder, warum sitzt du hier?“
„Ich bin drei Tage scharf geritten und nun warte ich bis meine Seele mich einholt.“

Wieder tanzt Asche vor unseren Gesichtern. „Ich hatte das Bild nie verstanden“, sagte ich und ließ den Blick über Asphaltrisse, Schutt und Gras wandern. Genüsslich streckte ich meine Beine und Xu wartete, bis ich weitersprach: „Seitdem wir durch das Tor liefen, weiß ich plötzlich, was damit gemeint ist.“ Xu lächelte und sagte nichts.

Wir überließen die Hummeln sich selbst. Zurück blieb nur ein Zigarettenstummel, der durch den Bierflaschenhals gedrückt wurde. Durch eine Baustellenabgrenzung, einen Kirchengarten und eine Theaterprobe kamen wir wieder in die reale Welt. Trotzdem ist es, als hätten wir diesen verwunschenen Ort niemals ganz verlassen.

Foto: Johanna Kindermann

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