Eine Geschichte für Kinder

Autumn...
Wenn ich eine Geschichte erzähle, habe ich keinen Einfluss auf deren Fortlauf. Bevor das erste Wort davon ausgesprochen ist, kann ich mir gerissene Wendungen überlegen, dramatische Spannungsbögen und die schönsten Stilmittel.  „Der kleine Bär mit dem struppigen Fell läuft mit jedem Schritt schwerfälliger und die Steinbrocken auf seinem Weg werden immer größer“, erzähle ich. Wenn das Bärenjunge auf der Bergspitze ankommt, wird er mit einem Monster einen grässlichen Kampf führen. Ich sage: „Dann sieht er einen Schatten. Zuerst ist es nur der anfängliche Schock, weil sich etwas bewegt. Doch dann erkennt der kleine Bär, dass ihn tatsächliche Gefahr erwartet. Der Schatten wird größer, größer, größer…“ Meine Handbewegungen werden größer, größer, größer…

Braune Kinderaugen schauen mich an, der Mund ist offen. Die Kleine ist vier und die Tochter meiner Freundin Funda. Ich plane einen großen Knall, ein wahres Abenteuer, nach dem das Kind erschöpft auf das Bett zurückfallen und sofort einschlafen wird.

In meinem Kopf lacht meine Geschichte laut auf. Ich erkenne meine Notlage. Es ist, als würde ich mit einer Hand voll Karotten in eine Ziegenherde laufen. Ich kann nicht mehr umdrehen, ich werde angesprungen, angeknabbert und nur am Leben gelassen, wenn auch alle Ziegen satt werden. Ich führe meine Armbewegungen zu Ende: „Größer, größer, größer…“ Und die Kinderaugen werden größer, größer, größer…

„Da drehte sich der Schatten um (größer), es war die Mama des Bärenkindes. Und sie legten ihre schweren Pranken umeinander und ließen lange nicht mehr los. Der kleine Bär versprach nie wieder auf der Wiese im Tal zurückbleiben zu wollen und der große Bär versprach ihn nie wieder zurückzulassen. Dicht aneinander gedrängt stiegen sie gemeinsam vom Berg und wurden immer kleiner, kleiner, kleiner…“ Während ich die letzten Worte spreche, wird auch meine Stimme immer kleiner, kleiner, kleiner…

„Noch mal!“, ruft die Vierjährige, ihr Mund ein Lächeln. „Nein…“, sage ich, da ich mein ganz eigenes Abenteuer mit der Geschichte gehabt hatte. „Noch mal!“, ruft sie hartnäckig und ich verspreche ihr eine neue Geschichte am nächsten Abend. Sie nickt und umfasst mit ihren angelutschten Fingern meinen Arm.

Diesen fest umklammert liegt sie da und wartet auf den Schlaf. Meine freie Hand streichelt ihren warmen Rücken und immer, wenn ich aufhöre, murrt die Schlaftrunkene leise. Im Nebenraum singt Funda ein Schlaflied für den einjährigen Bruder (den ich Edgar Ellen Poe nenne). Meine Gedanken nutzen die Chance und schwirren durch die glückliche Stille. Während des Tages musste ich von einer zerkauten Gurke abbeißen, eine Hand beim In-die-Windel-machen halten, Edgar Ellen Poe davon abhalten in den heißen Herd zu klettern, die Vierjährige fliegen lassen und Reste-Kirschen auf einem zerpopelten Kuchen essen.

Ich lächle. Nichts hätte ich lieber gemacht. Das Mädchen murrt und meine Hand wandert wieder mit kreisenden Bewegungen über seinen Rücken. Und während der Atem neben mir flacher wird, werden auch meine Augen immer kleiner, kleiner kleiner…

Foto: flickr // Likafilm

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4 Gedanken zu “Eine Geschichte für Kinder

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