Die Schnürsenkel-Philosophie

Paris

Die Welt wird klein, sie sammelt sich in einem Wagon einer S-Bahn zwischen Frankfurt Hauptwache und Offenbach Ost. Alles andere wird ausgeblendet, das hat Zeit bis nachher. Die Welt dreht sich um ein Mädchen mit sprunghaften Locken. Ihre Füße sind dicht an ihrem Körper auf dem Bahnsitz, sie bindet sich mit höchster Konzentration die Schuhe.

Die Menschen um uns herum bemerken nicht, dass sich ihre Welt nicht mehr dreht. Sie schauen lethargisch auf ihr Smartphone oder aus dem Fenster, die Mutter des Mädchens sitzt mit dem Gang zwischen ihnen neben ihr und unterhält sich mit anderen. Auch sie bemerkt nichts.

Ihre Tochter experimentiert mit den verschiedenen Möglichkeiten Knoten in ihre Schnürsenkel zu binden. Diese sind selten gesellschaftstauglich. Zum Beispiel bindet sie die Senkel nur an der Spitze zusammen und lässt sie auf den Sitz baumeln. Wenn sie ihre Schuh-Kunst erfolgreich abgeschlossen hat, löst sie die Knoten und beginnt von vorne.

Die Welt findet hier im S-Bahn-Abteil ihren Frieden. Sie zieht kleine Bahnen um das Mädchen, manchmal engere, manchmal weitere. Es gibt nichts schlechtes mehr, kein Hunger, kein Zehkratzen, keine angespannte Situation zwischen der Ukraine und Russland. So einfach kann es gehen.

Die Mutter quakt dazwischen. Sie springt auf und verscheucht mit fuchtelnden Bewegungen die verliebte Welt. Sie zieht die Füße der Tochter vom Sitz und schimpft mit ihr auf spanisch. Die Schuhe sind besonders schön gebunden: Die Schnürsenkel sind hinten an der Ferse verknotet. Weiterschimpfend zerrt sie an den Bändern, löst die Knoten und zerstört das Kunstwerk und damit den andächtigen Frieden.

Das Mädchen schaut wimmernd zu, wie ihre Schuhe mit einem Doppelknoten gesellschaftsfähig zugebunden werden. Tränen verschwimmen ihre Sicht und mit ihren Fäusten haut sie mehrmals auf den Sitz. Sie versteht nicht, weswegen der eine Knoten besser als der andere sei. Die Mutter scheucht sie aus der Bahn, schnell, schnell. Die Welt bleibt zurück und ein verlorenes Gefühl breitet sich in der Bahn aus. Dann breitet sie sich wieder aus und der Lärm der anderen tritt wieder an erster Stelle.

Foto: Flickr//Bildbunt

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