Tourismus für Extreme: Der Fahrradladen Bikefix

Es war nicht unwahrscheinlich, dass mein neues, klappriges Fahrrad bald unfahrbar werden würde. Es könnten die Bremsen sein, vielleicht die Reifen, die Kette oder alles auf einmal. Es erwischte mich keine Woche, nachdem ich das olle Teil gekauft hatte. Nach vielen Tagen Hitze kam Regen dazu, während die Temperaturen gleich blieben. Natürlich trug ich Sandalen und eine Hose, die dem Wind in allen erdenklichen Richtungen nachgab. Dennoch lächelte ich, denn mein Mietvertrag war frisch unterschrieben und mir wehte ein gutgelaunter Fahrtwind die Haare in die Höhe.

Dann ermordete ich mein Fahrrad, indem ich über etwas scharfkantiges fuhr – ein Rinstein, eine zerbrochene Bierflasche oder ein Ninja-Schwert. Nach wenigen Metern musste ich es mir eingestehen: Mein Fahrrad hatte am Hinterrad einen Platten. Trotzdem lächelte ich noch. Immerhin war ich nicht in Eile, außerdem hatte mir mein ehemaliger Mitbewohner Nils etwas verraten: In Berlin dauert es nie lange, bis man auf einen Fahrradladen stößt.

Ich quälte mein röchelndes Fahrrad über den Moritzplatz und keine fünf Minuten später sah ich einen Laden mit vielen Fahrrädern in einer Reihe vor der Tür. Ha! Treppenstufen führten mich in ein Kellergeschoss und hinter einem schmuddeligen Tisch saß ein schmutziger Mann mit einer Huckleberry Finn-Mütze. Ich hatte keine Ahnung vom Fahrradleben und fragte verschwitzt: „Ich verpasste meinem Fahrrad gerade einen Platten. Kann man das schnell reparieren?“ Huckleberry Finn schaute mich verschmitzt an: „Auch noch schnell?“

Ich rollte also mein rostiges Fahrrad die Stufen hinunter und ohne ein Wort zu verlieren, packte mein Retter es und hob es auf einen Ständer. Er schaltete einen Bluetooth-Lautsprecher für Musik an und er begann zu arbeiten. Ich stand vor dem Tisch und beschloss, mich nicht zu wundern. Stattdessen wollte ich die Wendung meines Tagesflusses ebenso stillschweigend akzeptieren, wie Huckleberry Finn es tat. Ich bekam einen Stuhl hingeschoben und ich machte es mir bequem.

Seine Werkstatt war ein Chaos, doch er war ihr Herrscher. Seelrenruhig suchte er nach einem passenden Schraubenschlüssel. Er spielte die Zeit, statt sich von ihr dominieren zu lassen. Beeindruckt beobachtete ich seine Hände, die selbstsicher wussten, welche Schrauben gedreht werden mussten. Ihre Handflächen waren schwarz von der Arbeit und am rechten Ringfinger steckte ein dicker Silberring mit einem schwarzen Stein.

Plötzlich stand er mit einem Glas türkischen Tee vor mir. Mein Blick musste zu dem Korb mit den Fahrradklingeln gewandert sein. Er hob den Deckel eines Zuckerschälchens an und bot mir die süßen Würfel an – alles ohne Worte. Ich schüttelte den Kopf und nahm den Tee den Tee entgegen. Als ich vom Glas wieder aufblickte, war Huckleberry Finn längst wieder am Arbeiten.

Er musste viel erlebt haben und als wichtigste Eigenschaft konnte er es sich aneignen, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Ich fragte mich, ob ich jemals einen solchen Status von innerer Ruhe erreichen würde. Ein Bild von mir erschien in meinem Kopf: Ich war zwanzig Jahre älter und nicht mehr sprunghaft wie heute. Meine Haut war braungebrannter, als es die deutsche Sonne je hinbekommen würde, und viele feine Falten umkreisten meine Augen. Ich trug eine unmoderne Jeans, an der ich meine schwarzen Hände abwischte.

Eine Bewegung riss mich aus den Gedanken. An der Tür über uns stand ein Mann mit abstehenden Locken und einem Kinderrad in der Tür über uns: „Ich bin leider noch einmal da, die Kette ist zu groß.“ Keine Sekunde wich Huckleberry Finn von seinen geübten Handgriffen ab. Dann holte er eine neue Kette vom Haken und hielt sie dem Mann schweigsam hin. Obwohl er ihn wie einen Freund behandelte, wusste ich, dass sie sich kaum kannten. Denn so ging er mit Fremden um. Ein weiterer Kunde kam, um neue Bremssätze zu kaufen. Er wurde ebenso in den Arbeitsfluss mit eingebaut, fast tanzte der Ladenbesitzer durch seine Werkstatt. Ein Mann lief vorbei und sie begrüßten sich auf türkisch.

Als mein Fahrrad fertig war, war ich fast enttäuscht. Zu sehr hatte ich meinen Aufenthalt im Fahrradladen genossen. Ich zahlte und blickte ratlos auf das Rad, welches noch am Ständer hing. Huckleberry Finn winkte Richtung Ausgang und sagte: „Ich bringe es dir raus.“ Ich sammelte meine Tasche, meinen Laptop und meine neuen Erkenntnisse zusammen und wartete vor der Tür. Er folgte mir mit einer Zigarette im Mundwinkel. „Danke, das war wirklich schnell“, sagte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie lange es gedauert hatte. Im Laden läuft die Zeit nicht schnell. Seine Augen glitzerten und er ergriff meine ausgestreckte Hand: „Du sagtest doch ‚schnell’.“ Wenn ich Glück habe, blieb etwas von seinem schwarzen Dreck an meiner Hand hängen.

Bikefix
Reichenbergerstraße 6
10999 Berlin

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