Berlin mit dem Fahrrad (oder: Google Maps, die Sau!)

Stadtplan-Fetzen
Zur Sicherheit schaute ich noch mal nach der Adresse, die mir geschickt wurde: Neumannstraße. Ich tippte die Straße in Google Maps und schrieb Christoph, mit dem ich verabredet war: „Ich bin in einer halben Stunde da.“ Mein Bauch zog sich zusammen, seit dem frühen Morgen hatte ich nichts mehr gegessen und die Arbeit hatte mich nicht pünktlich gehen lassen wollen. Ich schloss mein Fahrrad auf, kurvte es aus dem Hinterhof des Gebäudes und schwang mich drauf.

Bratkartoffeln mit Ofengemüse, ohne Paprika und mit viel Knoblauch. Tomaten, Zucchini, Aubergine und Pilze, dazu Quark mit Schnittlauch. Genau, wie ich es mag. Mein Magen tanzte vor Vorfreude und ich auf dem Fahrrad leicht mit. Vielleicht ist das sogar mein Lieblingsessen, vielleicht ist es das beste Essen überhaupt, vielleicht sind Bratkartoffeln mir Ofengemüse ein kleines Tor zur Glückseligkeit. Ich musste nur noch diese windige Straße am Alex vorbei, fiese Pflastersteinstraßen überwinden und dabei noch ein wenig schneller fahren. Ich trat in die Pedale, die Sonne kam raus und ich spürte eine Schweißperle meinen Rücken runterrollen. Google Maps teilte mir im Befehlston mit, ich solle links in die Neumannstraße einbiegen.

Die Neumannstraße in Pankow ist keine hübsche Straße. Sie ist zweispurig und die Häuser sind kastenförmige Mehrstockhäuser im Altenhausstil. Ich rollte die Straße hinunter und stellte mir vor, wie ich diese Umgebung öfters sehen würde, wenn ich Christoph besuchen würde. Die Strecke würde mich noch viele Schweißperlen kosten, aber was tut man nicht alles für Bratkartoffeln mit Ofengemüse. Komisch, hier müsste doch seine Wohnung sein. Google Maps befahl mir: „Bitte wenden.“ Ich fuhr die Straße zwanzig Minuten lang rauf und runter: „Bitte wenden, bitte wenden, bitte wenden.“ Ich hielt ernste Beziehungsgespräche mit Google Maps. Schließlich beende ich die App und rufe Christoph an.

„Ich finde deine Hausnummer nicht.“
„Was?“ Christoph lachte. Blödmann. Er verstand meinen Ernst der Lage nicht, ich verhungerte!
„Ich fahre seit zwanzig Minuten die Straße rauf und runter, deine Hausnummer gibt es nicht, überall schleichen Omas herum und ich habe Hunger!“
„Ich gehe mal vor die Haustür, vielleicht sehe ich dich. Wo stehst du denn?“
„Vor einem Einkaufszentrum. Da ist ein Fitnessstudio drin, ein Restaurant, eine Sparkasse…“
„Oh je.“ In seiner Stimme schwang Unheil mit, die ich erst einmal nicht wahrhaben wollte.
„Du wohnst doch in der Neumannstraße?“ Die Frage war rhetorisch.
„NAUMANNSTRAßE“, sagt er.
„Neumannstraße?“
„Naumannstraße!“
Endlich erkannte ich, dass es keinen Sinn hatte, die böse Wahrheit weiter zu verleugnen. Vorsichtig fragte ich: „In welchem Kiez wohnst du?“
„In Schöneberg.“ Ich höre die Neumannstraße in Pankow böse lachen, die alten Frauen feixen hinter mir.
„Wie lange brauche ich von Pankow bis nach Schöneberg?“
„Lange?“ Seine Stimme klang ungläubig, ich legte auf und fragte die weiße Fahne schwingend Google Maps um Rat.
Google Maps sagte gehässig: „48 Minuten.“

Mein Magen schlug von Innen gegen meine Bauchdecke, mein Körper stütze sich erschöpft auf mein Lenkrad und ich fing an zu heulen. Erschöpfung, Hunger und Wut kontrollierten mich und fühlte, dass ich das Tor zur Glückseligkeit nie erreichen würde. Ich beschimpfte die Welt, sämtliche Götter, die Naumannstraße, mich selbst und mein Geschimpfe machte auch nicht vor den Bratkartoffeln Halt.

Wieder zu Logik zurückkehrend hob ich mich auf und beschloss, dass eine weitere Stunde nur eine weitere Stunde sei und die Bratkartoffeln auf mich warten würden. Ein Mann kreuzte mich, wie ich mich auf dem Gehweg heulend an meinem Lenkrad festhielt, und tat, was jeder gut erzogene Mensch tun würde: Er schaute an mir vorbei und lief etwas schneller. Gut so. Ich wischte meine Tränen der Wut auf mich selbst weg und trat in die Pedale.

Generell war eigentlich Christoph schuld. Er hatte mir eine unlogische Straße geschickt, dabei ist NAU nicht mal ein Wort und NAUMANN ergibt keinen Sinn, so sollte keine Straße lauten. Ich suchte mir einen Schuldigen, um ein Ventil zu finden. Mir zum Opfer fallende Menschen standen mir im Weg, ich bellte sie an und raste die Strecke wieder zurück, alles war rückwärts. Die fiesen Pflastersteine schleuderten mich im Vollwaschgang, die windige Straße am Alex vorbei wollte mich wieder zurück nach Pankow wehen und ich versuchte das Universum mit seinem rätselhaften Unsinn zu entziffern. Als ich schließlich in Schöneberg meinen schmerzenden Hintern vom Fahrradsattel löste, war ich wieder besser drauf, mein Magen freute sich auf die Bratkartoffeln.

Ich klingelte und ein grinsender Christoph öffnete mir die Tür. Sein Blick sagte alles, er schüttelte leicht prustend den Kopf. Dafür wollte ich ihn gerne schlagen, stattdessen lachte auch ich laut auf. Ich streckte meinen geschundenen Körper und schaute die Naumannstraße hinab. Für Christoph war es dennoch eine gute Sache, dass er dort und nicht in der Neumannstraße wohnte. Es war hübsch und Gemütlichkeit lag auf den Häusern mit den spitzen Dächern und den Bäumen. Definitiv ein Upgrade. In der Wohnung schnupperte ich entzückt, es roch nach leckeren Bratkartoffeln. Ich hörte den Ofen brummen. „Das Essen braucht noch ein paar Minuten“, sagte Christoph und ich sank vor Trauer auf den Boden in der stühlelosen Küche. Christoph schwang sich ein Geschirrhandtuch fröhlich über die Schulter und trällerte: „Ich dachte, du brauchst länger für den Weg.“

Foto: flickr // Pierre Willscheck

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2 Gedanken zu “Berlin mit dem Fahrrad (oder: Google Maps, die Sau!)

  1. :) … geb ich dir den Tipp, dass es manche Straßennamen auch doppelt in Berlin gibt oder warte ich auf den nächsten Artikel??? Hoffe, du bist hier generell gut angekommen. Meld dich mal, damit wir mit Judy hier den Wedding unsicher machen …

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