Überoberlippe

Ich bin in der Ringbahn und denke über die Körperpartie zwischen Nase und Mund nach. Ich bezweifle, dass es einen volkstümlichen Namen dafür gibt, sonst hieße es auch nicht Oberlippenbart, sondern Überoberlippenbart oder ähnlich. Die Frau vor mir hat sehr viel davon. Keinen Bart, aber eine Überoberlippe. Wie ein Vogelschnabel wölbt er sich über ihren Mund. Er sieht weich und wellig aus wie das Fleisch eines Oktopusses.

Eine andere Frau, die im Raum vor der Tür steht, hat fast keine Überoberlippe. Sie hat aber auch kaum einen Mund, dafür redet sie aber viel. Als hätte man ihr bei der Geburt noch schnell einen geschnitten, weil er sich als Phötus nicht gebildet hatte. Ein Mann drängt sich an meinen Knien vorbei und murmelt: „Entschuldigung.“ Über seinem Mund spannt sich die Haut wie ein Zelt und schwarze Punkte und kleine Hautschüppchen verraten die frische Rasur.

Meine Hand tastet nach meiner Überoberlippe und fühlt eine leichte Kuhle. Aha. Die Oktopus-Frau vor mir guckt mich neugierig an. Ich versuche mich in der Scheibe zu spiegeln, um zu sehen, wie die Partie unter meiner Nase aussieht. Da höre ich eine Stimme über die Lautsprecher: „Der nächste Halt ist zwei Stellen nach Hannas Zielhaltestelle. Ha ha.“ Meine Hand schnellt runter und ich sammle meine Körperteile ein, um auszusteigen. Ich glaube, Häme in dem Blick der Oktopus-Frau zu sehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s