Menschen mit Wespen in ihrem Leben

Bildschirmfoto 2014-08-27 um 14.02.40„Zwei Gemüsedöner, einmal vegetarisch, einmal mit Fleisch, bitte“, sage ich, obwohl der Mann in der Bude schon mit den Handgriffen begonnen hat. Ich nehme immer das Gleiche. Ich stehe mit Katharina an der Dönerbude am Ostkreuz und wir verfolgen mit gierigen Blicken den Dönerprozess. „Wohnst du hier?“, fragt mich der Budenbesitzer und wendet das Fladenbrot. „Nein. Ja“, sage ich es mich selbst fragend und er gibt sich zufrieden. Katharina lächelt mit hungriger Seligkeit. Ich habe ihr einen perfekten Gemüsedöner versprochen. Ohne Paprika, denn die mag ich nicht. Sie schon, aber sie lässt sich von Kartoffeln, Aubergine, Tomaten und Zucchini besänftigen, die gerade in das geöffnete Fladenbrot gefüllt werden. Dazu gibt es noch einen weiteren Klecks Knoblauchsauce und ein Spritzer Granatapfelsirup. Wir kriegen unsere Döner in unsere glücklichen Hände gedrückt und schlendern zum nahen Park, der von Bänken umrandet ist.

Ich habe einen riesigen Oleanderbusch in einem rosafarbenen Übertopf dabei und bin überfordert, wie ich mich mit der Blume und dem Döner geschickt hinsetzen kann. Eine ältere Frau kommt mir zur Hilfe. Sie ist in einem Alter, in dem eher ich ihr helfen sollte. Peinlich berührt sage ich „Danke“ und sie strahlt so sehr, dass ich vermute, dass sie es nötig hatte, auch einmal die Helfende sein. Ich sitze, links der rosa Blumentopf und die ältere Frau, rechts Katharina, die schon eine Kartoffel kaut. Wir sind uns einig: es ist ein perfekter Gemüsedöner.

Eine Wespe scheint unserer Meinung zu sein und setzt sich ungefragt auf Katharinas Fleisch, das knusprig an der Ecke herausquillt. „Oh Nein“, sagt meine Freundin gequält und schaut hilflos auf das Tier. Sie schüttelt den Döner, doch die Wespe beißt sich mit ihren Greifern fest und scheint sich mit dem Fleisch paaren zu wollen. Katharina springt auf und schüttelt ihr Essen noch einmal ohne Erfolg. „Geh weg!“, sagt sie und verliert etwas Gemüse.

Neben ihr sitzt ein Pärchen, sie liegen fast mit unglaublicher Ruhe aufeinander. Er ist ein Hipster mit teurer Kleidung, sie hat Dreads und spielt mit verliebten Blick mit seinem Ohr. Mit einer nervigen, coolen Stimme sagt er: „Lass sie doch einfach drauf. Herumfuchteln bringt nichts.“ Ich halte mich zurück und sage ihm nicht, dass er ein frecher Bengel mit zu viel Geld und Glück im Leben sei. Stattdessen sage ich mit schneidender Stimme: „Vieeeelen Dank, aber ich denke, wir entscheiden uns dann doch eher für das Herumfuchteln.“

Er zeigt kaum Reaktion, ich bin dafür nicht würdig genug, ich stelle keine wahre Gefahr dar. Er bewegt sich nicht, lässt sich sein Ohr von seiner Freundin küssen und sagt verächtlich: „Ich hatte auch eine Wespe in meiner Cola. Dann ist das eben so.“ Ich finde ihn blöd. Ich möchte die Wespe auf ihn werfen. Seine Freundin hört auf an ihn herumzufummeln und versucht zu schlichten: „Vielleicht will sie ihr Essen einfach nicht hergeben.“ Guter Punkt.

Katharina pustet die Wespe an, deren Flügel durch den Wind von ihrem gepanzerten Körper abstehen. Unbeirrt arbeitet diese weiter, nagt und beißt, dabei bewegt sie ihren Körper rhythmisch. Eine zweite Wespe kommt angeflogen, wahrscheinlich hatte die erste laut gerufen: „Kommt her, hier gibt geiles Essen, die Verteidigung ist schwach!“ Wir beschließen zu gehen. Mit wehendem Oleander rennen wir über die Straße, links und rechts verlieren wir Gemüse und Fleisch, schließlich auch die Wespe.

Nun sitzen wir auf einem dreckigen Bordstein, der Oleander steht auf wackeligen Pflastersteinen und wir sind bereit unser Essen zu verteidigen. Unser Döner hat einige Wunden, doch endlich fangen wir an unsere eigenen Zähne hineinzugraben. „Der Typ war blöd“, sagt Katharina zwischen zwei Bissen. Wir wünschen ihm eine Wespe in jeder Cola, einen Wespenstich an der Lippe, einen ihn verfolgenden Wespenschwarm. Satt bin ich später gnädiger. „Nun ja, er wollte uns wenigstens beraten“, sage ich. „Blöd war er trotzdem“, schmettert Katharina die Versöhnung ab. Wir laufen mit runden Bäuchen die Pflastersteinstraße hinunter, den wippenden Oleanderbusch auf meiner Hüfte.

Vielleicht stürzt sich ja gerade eine hungrige Wespe hinter unserem Rücken auf den Blödian. Vielleicht verbeißt sie sich gerade in seinem von Spucke feuchten Ohr und rennt wie ein Mädchen schreiend im Kreis. Vielleicht würde er auf einem Kartoffelstück, das wir verloren hatten, ausrutschen, und sich den Hals brechen. Na gut, aber wenigstens den Knöchel. Ich grinse breit.

Foto: Flickr // Thorsten Krienke

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