10 WÖRTER, EINE GESCHICHTE*

„Wunder können dir helfen, das Leben zu genießen“, sagte er und goss sich etwas aus einer fancy Flasche ein. „Was ist das?“, fragte ich und zeigte auf das durchgestylte Getränk. „Bier.“ Und dann erläuterte er, weshalb dieses Bier besonders toll sei. Recycelt, ohne Genmanipulation, vegan, heilig gesprochen und all so etwas. Mir war kalt und hatte keine Lust mehr die Welt von diesem Naseweis erklärt zu bekommen. „Mir ist kalt“, sagte ich und meinte: „Ich will rein.“ Er stellte sich taub, er nimmt immer alles wörtlich. Er findet es blöd, nicht zu sagen, was man will. „Wie kannst du das, was du willst, ungesagt in deinen Worte implizieren und darauf vertrauen, dass andere es verstehen?“ Auch jetzt folgte er seinen Prinzipien: „Es ist Sommer!“ – „Spätsommer“, schwächte ich seine Aussage ab.

Er fuhr sich durch das Haar, nippte von seinem Bio-Gesöff und ich hatte Lust auf etwas Ungesundes mit Chemie, vielleicht Milchschnitte oder ein Chai Latte aus der Dose. Ich winkte einen Kellner heran und bestellte einen Tee. Er redete wieder und ich versuchte, nicht zuzuhören. Es ging wohl wieder um schlaue Menschen, um Dalai Lama, Mutter Theresa oder ihn. Ein störrischer Satz riss mich aus meiner Selbsttherapie, aus meiner geheimen Kammer in meinem Kopf: „Wir müssen die Welt retten, wir haben doch nur die eine!“ Ich nickte und fragte mich, auf welchem Sticker er das gelesen hatte.

Mein Tee kam und ich bemitleidete mich. Ich mochte ihn nicht, er verabscheute Sünden, Verruchtes und Fehler. Ich brauchte Hilfe, doch nur ich selbst konnte mir helfen. Ich seufzte. Er unterbrach seinen Redefluss: „Willst du deinen Tee nicht trinken? Er wird noch kalt. Obwohl ich finde, dass kalter Tee ja immer eine gute Alternative für Limonade ist. Ohne diesen ganzen Zucker drin.“ Ich griff nach der Zuckerdose und häufte einen Löffel Zucker in meine Tasse, noch einen und noch einen. „Was machst du?“, fragte mein Mann entsetzt. „Ich starte eine Revolution gegen Wunder“, sagte ich, „magst du mitmachen?“

*Diese Geschichte entstand für ein Projekt von Westendstories. Es gibt fünf Wörter, die man verpacken muss. Diese Woche waren das: Spätsommer, Bier, Alternative, verstehen, Wunder, helfen, kalt, Dalai Lama, Welt, mitmachen.

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