10 WÖRTER, EINE GESCHICHTE*

Eine haarige, kleine Spinne krabbelte über seinen Fuß, er wackelte mit den Zehen. Die Spinne blieb stehen und verweilte. Fast schien es ihm, als würde sie ihn angucken, mit ihm sprechen. Doch er halluzinierte viel seit einigen Tagen, er war daran gewöhnt. Wären seine Hände nicht auf dem Rücken zusammengebunden, könnte er das Spinnentier einfach vorsichtig in die Hand nehmen oder beiseite schupsen. Dieses lief nun seine Fußsohle hoch. Er kicherte.

„Was ist?“, unterbrach der dicke Mann, der vor ihm mit einem Buch im Schneidersitz saß, sein lautes Lesen. Zum dritten Mal hatte er dieses Buch schon angefangen. Er las gerne, außerdem wollte er den Gefangenen etwas aufheitern. Es war ein Werk von Anthony Hopkins, andere Bücher gab es auf dem Schiff nicht.

Der junge Mann mit den gefesselten Gliedern fühlte sich den Theorien Hopkins draußen auf dem Ozean erstaunlich nahe. Wenn man nichts anderes unter sich hat, als das schaukelnde Holz und über sich der Himmel, dann versteht man das Wort Bedeutungslosigkeit besser. Sein Hemd aus Seide hatte man ihm weggenommen, dafür hatte man ihm ein verschwitztes Hemd gegeben, damit die Sonne ihn nicht verbrennt. Wann das war, wusste er nicht, Zeit hatte ihre Bedeutung verloren. Wie alles.

„Die Spinne“, krächzte er, „kannst du sie von meinem Fuß holen? Sie kitzelt.“ Der Mann hob die Spinne an einem Bein hoch und schnickte sie über Board. Er ignorierte das Gesicht des Gefangenen, der immer sehr mit Tieren mitfühlte.

Ein weiterer Mann kam und sofort hörte man Magenknurren von verschiedenen Ecken des Schiffes. Er war derjenige, der die Essens-Dosen verteilte. Er stellte zwei davon vor den Vorleser und dieser öffnete sie mit einem Messer, indem er dieses mit dem Handballen auf hämmerte. „Aprikosen!“, seufzte er glückselig. Er gab dem Gefangenen eine ab. Er war der netteste auf dem Schiff. Mit dem Messer spießte er eine Aprikose auf und hielt sie ihm vor den Mund. Wie ein schnappender Fisch versuchte er von der kostbaren Frucht abzubeißen. Saft tropfte ihm auf den Hals, süßes Fruchtfleisch landete auf seiner trockenen Zunge. Er kaute japsend.

„Wir kommen bald an Festland vorbei“, plauderte der nette Gefängniswärter, während er die andere Dose öffnete. „Wir lassen dich wohl da. Ich weiß nicht, welches Land es ist. Südafrika vielleicht. Dort kannst du Menschen finden, die dich retten werden.“ Die zweite Dose enthielt Bohnen, wie enttäuschend. „Ein bisschen wird mir der Abschied von dir ja schon schwerfallen. Du bist auf dem Schiff der beste Zuhörer. Das hat es hier irgendwie heimelig gemacht.“

Der junge Mann blickte hoch. So sehr er seine Gefangenschaft als Qual empfand, er fürchtete sich vor einer unbekannten Wildnis noch mehr. „Mein Seidenhemd“, sagte er, nachdem er sich geräuspert hatte, „bekomme ich den obersten Knopf zurück?“ Es folgte ein Lachen: „Nein. Der oberste Knopf ist eine Perle. Die werden wir verkaufen und viel Gold dafür bekommen.“ Er sang ein Sauflied, bis seine Stimme wegbrach, dann: „Kennst du dieses Lied? Ach, sicher nicht. Es ist neu. Es ist von Gothik vor die Hunde, eine Band aus Schottland.“

„Die Perle habe ich von meiner Mutter. Sie sollte mir auf meiner Reise Glück bringen. Mich vor Tropenkrankheiten bewahren, vor Sonnenstich… und Piraten…“ Seine Stimme war klein und traurig. „Ich sehe, was ich machen kann“, murrte der Pirat, doch sein Versprechen war bedeutungslos. Er stand mit knackenden Knochen auf, klemmte sich das Hopkins-Buch unter den Arm und beim Weggehen grölte er wieder seinen neuen Ohrwurm.

*Ein Projekt von Westendstorie, Woche 6. Ich habe wieder sehr gerne mitgemacht.

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