Die Worte, die durch meine Adern fließen

Words everywhereWörter sind immer da, sie verlassen mich nicht. Sie haben auf alles eine Antwort, sie sind stark, sie können die kältesten Menschen umarmen. Sie sind mein Ticket für die Freiheit, wenn ich im tiefsten Verließ gefangen gehalten werde. Sie sind immer da, sie pulsieren unter meiner Haut. Kaum sichtbare Wörter tummeln sich dort, mächtige Wortgewalten paaren sich, Satzfragmente huschen durch meine Adern, ganze Buchreihen flüstern mir ins Ohr. So laut sie sind, so laut bin ich, so verängstigt sie sind, so bin ich es auch. Sie sind ich, ich bin nichts ohne sie.

In letzter Zeit wurden die Worte in mir leiser. Wer kann es ihnen verübeln, die Tage sind inzwischen sehr laut geworden. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich sie wirklich höre oder ob es ihr Echo ist – ohne dass sie noch existieren. Aber sie sind da, sie sind immer da, sie müssen da sein, sie sind ich, ich bin nichts ohne sie. Ich lege meinen Finger auf meinen Arm: Kein Puls.

Ich kratze mir die Haut auf, ich bin auf der Suche nach den Wörtern, nach den paarenden Wortgewalten, nach den wundersamen und rebellierenden. Voller Wahn grabe ich tiefer, die Wunde wird später verheilen, wenn ich nur die Wörter finde. Ich belächle mich, während ich grabe, natürlich sind sie da. Sie waren immer da, immer. Mein Fleisch ist warm, doch es fühlt sich leblos an. Ich erreiche eine Vene und schlitze sie mit meinem Fingernagel auf, dabei zittere ich stark. Gleich sehe ich sie, die Wortfamilien, wie sie sich dicht aneinander drängen.

Hm, mache ich. Blut, nichts als Blut. Kein einziges Wort, nicht einmal ein Buchstabe. Nicht einmal ein Tintenklecks. Ich halte meinen zerfetzten Arm in der Hand und nichts schmerzt mehr als dieser wortlose Anblick. Und ich höre auf zu existieren, kein Echo bleibt zurück, denn ohne Worte bin ich nichts.

Foto: flickr // din bcn

Advertisements

4 Gedanken zu “Die Worte, die durch meine Adern fließen

  1. Hanna, mir fehlen die Worte – impulsiv geschrieben.

    „… Wörter sind stark, sie umarmen die kältesten Menschen.“

    Ein Zitat, das ich mir sicherlich merken werde… Wow!!

    Gruss aus Offenbach

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s