Rumis Schatten

Licht ist das wichtigste Stilmittel in Videos. Filme können an einem sommerlichsten Tag gedreht werden und trotzdem bedrohlich sein. Sie sorgen dafür, dass sich deine Körperhaare aufstellen, es beginnt knapp hinter dem Handgelenk, fließt über die Schulter und den Rücken hinab. Du fühlst dich in deinen eigenen Räumlichkeiten nicht mehr sicher, ein Windhauch am großen Zeh versetzt dich in Todesangst. Es ist das flache Licht, der Sommer wirkt plötzlich kühl und am wichtigsten sind die Schatten. Wer das Licht kennt, sieht die wahren Schatten. Deshalb beginnen so viele Horrorfilme mit einem Sommertag.

Die Schatten waren lang und dunkel, ihre Ränder flimmerten im grellen Sonnenlicht. Ihre Arme zogen sich in die Länge, sie schienen nach etwas zu greifen, oder jemanden, denn eine einzelne Person saß dort und wartete auf sie. Fledermäuse huschten verfrüht über den verblassenden Himmel. Bald würden sich die Schatten mit der Nacht vereinen. Doch jetzt brannte das Licht noch schräg auf ordentlich geschnittene Bäume, Statuen und eine Sonnenuhr.

Rumi saß auf einer Bank und wartete. Sie hatte ein ganzes Leben ausgelassen, um hier zu sein. Ihr Kopf war gefüllt mit Knoten, sie wagte es nicht einen einzelnen zu lösen, denn dann würden sich die anderen nur fester zusammenziehen. Ihr Kopf bestand aus einem einzelnen Faden, einem einzelnen, verknoteten Faden. Sie saß auf der Bank und wartete auf die Schatten, die auf sie zu krochen.

Würde sie aufstehen und sich nach rechts wenden, würde sie auf ein weißes Schloss treffen. Die Fenster blinzelten ihr vergnügt zu. Von ihrer Perspektive aus könnte das Gebäude nur aus einer flachen Fassade bestehen, 2D wie Attrappe in einem Wild West-Movie. Das Schloss schien Rumi anlocken zu wollen, ihr vormachen zu wollen, es beherberge gemütliche Räume mit Betten, Teppichen und Stehlampen. Sie wusste nicht mehr einen Traum von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Sie entschied sich dafür, dass sie die Wahl hatte, zumindest noch. Denn solange nichts entschieden ist, kann alles wahr sein. Sie nahm den Traum. Ihr Atem beruhigte sich, sie hatte ihre Unruhe zuvor nicht bemerkt.

Ein Vogel hüpfte über den Boden und jagte einen Kieselstein. Etwas stimmte nicht. Rumi untersuchte mit ihrem Blick die Schlossfassade, die blinzelnden Fenster, das klickende Geräusch des Vogeschnabels auf dem anthrazitfarbenen Kieselstein, den überfüllten Mülleimer mit herausquellenden Bierflaschen, Fast Food-Verpackungen und Zigarettenasche. Und noch einmal. Das Schloss, die Fenster, der Vogel, der Müll. Und noch einmal und noch einmal. Als sie das Verwunderliche erkannte, war sie überrascht, dass sie gedacht hatte, es tatsächlich sehen zu können. Das Rätsel lag dazwischen. Rumi hatte keine Ahnung, wie sie in diesen Schlosspark gekommen war.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s