Hörbuch: Wie das Wort mich mitnahm

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Die Worte, die durch meine Adern fließen

Words everywhereWörter sind immer da, sie verlassen mich nicht. Sie haben auf alles eine Antwort, sie sind stark, sie können die kältesten Menschen umarmen. Sie sind mein Ticket für die Freiheit, wenn ich im tiefsten Verließ gefangen gehalten werde. Sie sind immer da, sie pulsieren unter meiner Haut. Kaum sichtbare Wörter tummeln sich dort, mächtige Wortgewalten paaren sich, Satzfragmente huschen durch meine Adern, ganze Buchreihen flüstern mir ins Ohr. So laut sie sind, so laut bin ich, so verängstigt sie sind, so bin ich es auch. Sie sind ich, ich bin nichts ohne sie. Weiterlesen

Schreibaufgabe: Der teekochende Antiheld

Schreibaufgabe: Ein gebrochener Anti-Held soll Tee für seine Mutter kochen. Was gehen ihm für Gedanken durch den Kopf?

Er dachte für einige sich stapelnde Sekunden nichts. Sein Atemzug danach war tief. Dann dachte er wieder an die Frau und deswegen sprang er tatsächlich auf und begann die Teekanne zu suchen. Als die Frau hartnäckig blieb, wurden seine Bewegungen fahrig. Er konnte die Kanne nicht finden, denn er suchte nur für Beobachter, in Gedanken war er auf dem Gehweg neben der mehrspurigen Straße. „Wenn du wüsstest!“, sagte er zu niemand bestimmten. Er war wie ein Stein, der aus dem Fluss herausragt, das Wasser strömte um ihn herum und beachtete ihn nur so weit, dass sie ihm auswichen. Er lachte laut auf, der Strom blieb davon unberührt.„Mein Tee, Schatz, denkst du an ihn?“ Ohne dass er es gemerkt hatte, hatte sich sein Körper vor den Küchenschrank gesetzt. Seine Mutter rief vom Wohnzimmer aus. Er brüllte zurück, als würde er seine Mutter mit einem Stein abwerfen, obwohl er dass Wasser hinter ihr treffen wollte. Sie kam in die Küche und reichte ihm die Teekanne. Sie stand auf dem Regal direkt über ihm. Dazu stellte sie noch den losen Tee und Beutel daneben. Sie befüllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein. „Ich mach das!“, bewarf er sie mit wütenden Steinen. Sie lächelte ihm traurig zu und ließ ihn alleine. Der Wasserkocher schnaufte und vermischte sich mit dem Rauschen des Straßenverkehrs. Der Strom floss an ihm vorbei, schneller als an anderen Flussbiegungen und er drohte und schrie, warum hörte ihn nur keiner? Die Frau hörte ihn. Sie blickte nicht weg, sie sah ihn. Ihre Augen waren entsetzt, ihr Mund kündigten die Tränen an, bevor er sie sehen konnte. Sie blieb nicht stehen, er: „Wenn du wüsstest!“ Das Wasser im Kocher tobt, mit einem Klick schnellt der Hebel hoch.

Wie man als Model erfolgreich wird

Unfreundliche Hände ziepen an mir herum, sie stecken mir das Oberteil in den Rock, dann heraus und wieder hinein. Sie können sich fünf Sekunden, bevor ich auf den Laufsteg muss, noch immer nicht entscheiden. Irgendwann muss auch mal Schluss sein. Eine andere Hand schmiert mir einen Lippenstift nach dem anderen auf die Lippen, auch meine Frisur sitzt noch nicht perfekt. Ich seufze. Mein Kopf ist schwer von den falschen, leicht entflammbaren Haaren. Die Leute um mich herum wechseln vorsichtige Blicke. Sie befürchten, ich könnte jederzeit jemanden ohrfeigen und anschließend mit einem Rockstar mit zerrissenen Hosen durchbrennen.

Schließlich ist es soweit, jemand gibt mir einen Klaps auf den Hintern, „husch, husch“ und ich bin draußen auf dem Laufsteg. Ach, bin ich gelangweilt, aber kein Leben besteht eben aus entspannten Fahrradtouren und sonnigen Abenden auf dem Balkon. Also laufe ich leger, sexy und unnahbar an Menschen vorbei, die eifrig Fotos und Notizen machen. Ein paar fallen in Ohnmacht. Ach, immer dieses Fußvolk. Ich unterdrücken ein Gähnen und schwinge meinen Hintern um die Kurve.
Ein wenig später gebe ich eine Pressekonferenz. Eine große Blonde hyperventiliert: „Was sind Ihre Diät-Geheimnisse?“ Langsam nähere ich meinen Kopf dem Mikrophon und hauche: „Nichts essen. Und viel Rum.“ Ein verwundertes Raunen geht durch die Reihen. Einige werfen ihre Snacks weg, die Bananen und Schokoriegel häufen sich unter den Stühlen. Ein Mann mit Frauenstimme fragt: „Wie schaffen Sie es in solchen flachen Schuhen zu laufen?“ Ich antworte besonnen: „Alles Übungssache.“ Die Fragen werden lauter, jeder will etwas von mir. Ich winke ab und flüstere dem Mann mit dunkler Sonnenbrille neben mir etwas ins Ohr. Sofort bestellt er den Hubschrauber, der mich ins Hotel bringen soll.

Mein Fahrrad macht einen Satz, ich bin über einen Riss im Asphalt gedonnert. „Au“, rufe ich, als mein Po wieder auf dem harten Fahrradsitz landet. Ich bin auf dem Weg nach Hause, vorbei am Brandenburger Tor und dem Alex, und über die Spree. Den Kopf schüttelnd bringe ich mein Rad wieder zum Geradefahren. Ich wundere mich über mich selbst: Wo ich auch immer in meinen Tagträumen lande… Und während ich das denke, trifte ich wieder ab. Ich bin kein Model, ich bin Schuhmacher und meine Konkurrenz ist mir dicht auf den Fersen!

P. S.: Diese Geschichte wurde auf einem sonnigen Balkon geschrieben. Dabei aß ich nichts und trug keine Schuhe.

Verwunschen

Vor einigen Tagen ging ich eines Nachmittages durch ein verwunschenes Tor. Obwohl nichts Großes passierte – kein Tusch, kein Gewitter mit himmelerhellenden Blitzen, kein Engelschor – änderte sich dadurch der Rhythmus, in dem mein Blut durch meinen Körper pulsiert.  Und noch während meine Verbündete Xu mich an der Hand Richtung des Tores zog, wusste ich: Es war verwunschen.

Es war kein schöner Tag. Am Abend zuvor hatte es geregnet und die Wolken hingen noch immer unbeweglich über den Häuserdächern. Unsere Köpfe waren überfüllt: Wir müssen noch einkaufen, wo gibt es fluorisierende Sprühfarbe, haben wir genug Rum? Xu war erst umgezogen, in mir schwirrten jede Minute Fragen über meinen Berlin-Plan und den damit verbundenen Unsicherheiten.

Wir hatten einen engen Zeitplan, trotzdem gingen wir ohne zu zögern auf das Tor zu. Es führte auf einen verlassenen, von Bauschutt eingerahmten Hinterhof. Das Gras wuchs wild und unbekümmert. Neben dem verlassenen Haus ragte eine kleine Mauer hervor, auf die wir uns setzten. Eine leere Bierflasche verriet, dass wir nicht die ersten waren.

Darmstadt ReisezielWir sagten wenig. Xu rauchte und ich hörte den Geräuschen zu, die uns umgaben: Blätterrascheln, ein entferntes Gespräch, eine Hummel summte und irgendwo spielte Livemusik. Xus Zigarette glühte und weiße Asche tanzte durch die Luft. Ich musste an ein Bild denken, welches an der Wand meiner Mutter hing. Darauf war ein sitzender Ritter zu sehen, daneben stand ein Zitat. Ich erzählte meiner Verbündeten davon und zitierte frei aus meiner Erinnerung heraus:

„Fremder, warum sitzt du hier?“
„Ich bin drei Tage scharf geritten und nun warte ich bis meine Seele mich einholt.“

Wieder tanzt Asche vor unseren Gesichtern. „Ich hatte das Bild nie verstanden“, sagte ich und ließ den Blick über Asphaltrisse, Schutt und Gras wandern. Genüsslich streckte ich meine Beine und Xu wartete, bis ich weitersprach: „Seitdem wir durch das Tor liefen, weiß ich plötzlich, was damit gemeint ist.“ Xu lächelte und sagte nichts.

Wir überließen die Hummeln sich selbst. Zurück blieb nur ein Zigarettenstummel, der durch den Bierflaschenhals gedrückt wurde. Durch eine Baustellenabgrenzung, einen Kirchengarten und eine Theaterprobe kamen wir wieder in die reale Welt. Trotzdem ist es, als hätten wir diesen verwunschenen Ort niemals ganz verlassen.

Foto: Johanna Kindermann

Beim Laufen in den Himmel schauen

Gewidmet an: Xu, mit der ich diesen Samstagmorgen gerne spazieren gehen würde.

Himmel Fotos - Kindermann

Das Gebäude ist ein Labyrinth. Ich komme aus dem versteckten Büro, durch mehrere Türen und lange Gänge entlang, vorbei an der Grafik- und PR-Abteilung, vorbei an Starbucks, wie wir die kleine Kaffee-Ecke vor der Nachrichtenabteilung nennen. Vorbei an Kollegen: „Tschüss, Tschüss, schönen Feierabend.“

Dann kreise ich mich die Treppe hinunter und ekel mich vor einer fetten Spinne, die auf der letzten Stufe sitzt. Die Empfangsdame ist schon nach Hause gegangen, also schiebe ich mir meine Kopfhörer in die Ohren. Ich höre John Frusciante, direkt von einem Satelliten aus an mich gestreamt. Als ich durch die gläserne Drehtür schwinge, trifft mich leuchtende Wärme.

Ich lächle, wie jeden Tag, wenn ich unter der Sonne die dunklen Treppenstufen vor dem Gebäude hinuntergehe. Fast tanze ich über den Parkplatz zum Pförtnerhäuschen, aber ich halte mich zurück, denn ein Anzugträger kommt mir entgegen, wahrscheinlich irgendeiner meiner Chefs. „Piep“, höre ich, als ich meine Mitarbeiterkarte scanne, um das Tor zu öffnen. Ein fröhliches Nicken zum Pförtner, der noch nachts hier sitzen wird, die arme Sau, dann bin ich draußen.

Schlecht gelaunte Menschen kommen mir entgegen. Eine Oma wackelt Schritt für Schritt und verflucht ihre Entscheidungen, eine Mutter scheucht ihre fünf Kinder über die rot werdende Ampel und streitet am Telefon, ein dürrer Mann trägt seine Mundwinkel bis zu den Kniekehlen. Und ich, ich hebe meinen Kopf und schaue durch Zweige hindurch, die ihre jungen Blätter spreizen.

Andere Menschen pfeifen, wenn das Schicksal gut zu ihnen ist. Sie summen vielleicht, schmunzeln und lachen freier als gewöhnlich. Sie drehen die Musik auf, telefonieren mit Mama oder laufen ein wenig breitbeiniger. Aber ich schaue beim Laufen hoch in den Himmel und dann ist das Schicksal gut zu mir.

Foto: flickr // picturia.de.hm

Sommerwind

sunEs ist ein freier Tag und ich laufe durch nasse Straßen. Es ist wichtig an freien Tagen möglichst wenig Pflichten zu haben. Am besten arbeitet man alle wichtigen To Dos schon vorher ab, egal wie stressig es wird. Denn nichts ist schöner, als einen Tag ohne Pläne vor sich liegen zu haben. Dann kann alles passieren.

Als die Sonne durch die Wolken und das Geäst über mir durchbricht, hat sie eine Überraschung für mich: Sie nimmt mich mit auf eine Reise. Ich denke: Warum nicht? und ergreife ihre ausgestreckte Hand.

„Erinnerst du dich?“, fragt sie mich, „Letztes Jahr um etwa die gleiche Zeit.“

„Pfffff“, mache ich, „nein, nicht wirklich.“

Die Sonne zückt ihr Smartphone und sucht für einen Moment. Dann hält sie es mir entgegen und macht ein Gesicht, als hätte sie mich gerade vor Gericht überführt. Ich höre ein Lied, welches nach Sommer schmeckt. Ich nicke höflich und tue so, als kenne ich es nicht: „Ein gutes Lied. Das sollte man immer spielen und für einen Moment vergessen, dass kein Sommer ist.“

„Das hast du damals auch gesagt!“, sagt die Sonne ungeduldig. Dann tritt sie näher an mich heran, so nah, dass ich ihren Wimpernaufschlag spüre. Mit der einen Hand hält sie mich noch immer fest, die andere streicht sanft über meinen Rücken. Eine lange Bewegung von meinem Hals bis zu meinem Becken.

„Das ist der warme Wind, der über deine Haut weht.“ Ihre Finger sind warm und trotzdem bekomme ich Gänsehaut, wo sie mich berühren.

Schnell stoße ich sie von mir weg und rufe: „Schon gut, schon gut! Natürlich erinnere ich mich an diese Zeit letztes Jahr.“ Warum muss sie mich so ärgern? Ich fühle mich unkontrollierbar und will weiterlaufen, in den Schatten der Häuser.

„Und?“, sagt sie leise. Ganz, ganz leise: „Und?“

Ich bleibe stehen, mit dem Rücken zu ihr gewandt. Sie hat Recht. Noch einmal finde ich zurück zu der Erinnerung: Draußen dichte Wolken, in meinem Zimmer der Sommer. Nasse Haare über meinem Gesicht und lange Bewegungen über meinem Rücken, ein Flüstern: „Das ist der warme Wind, der über deine Haut weht.“

Eine schöne Erinnerung. Ich grinse. Eine schöne Erinnerung! Ich bin bereit mich wieder zu erinnern und als mich diese Erkenntnis trifft, mache ich aus Versehen zwei kleine Luftsprünge. Ich muss kichern und drehe mich um, um der Sonne zu sagen, dass sie Recht hat. Doch sie ist schon wieder 149.600.000 km von mir entfernt am Himmel.

„Bis zum Sommer!“, ruft sie mir zu und weil es so schön war, laufe ich gleich noch mal die sonnendurchflutete Straße entlang. „Bis zum Sommer!“

Foto: flickr // roxweb