Die Worte, die durch meine Adern fließen

Words everywhereWörter sind immer da, sie verlassen mich nicht. Sie haben auf alles eine Antwort, sie sind stark, sie können die kältesten Menschen umarmen. Sie sind mein Ticket für die Freiheit, wenn ich im tiefsten Verließ gefangen gehalten werde. Sie sind immer da, sie pulsieren unter meiner Haut. Kaum sichtbare Wörter tummeln sich dort, mächtige Wortgewalten paaren sich, Satzfragmente huschen durch meine Adern, ganze Buchreihen flüstern mir ins Ohr. So laut sie sind, so laut bin ich, so verängstigt sie sind, so bin ich es auch. Sie sind ich, ich bin nichts ohne sie. Weiterlesen

#100happy days – Tag X: Wann man mittags einen Schnaps trinken sollte

IMAG1155Wir sitzen im Künstler-Café Herman Schulz und No. und ich sprechen über Männer. Ich arbeite dort als Freiwillige, aber gerade bin ich privat am Kaffeetrinken. Th. und An. kommen herein und große Umarmungen folgen. „Du hast aber viel Energie“, sagt Th. „An. hat dir auch schon auf den Hintern gestarrt“, sagt Ti., ein weiterer im Café, der schon zum Inventar gehört. An. verteidigt sich: „Ich habe dich gemustert! Nicht gestarrt! Ich habe mich gefragt, ob du dich für heute Abend schon schick gemacht hast.“ Ich bin tatsächlich an diesem Tag extrem gutaussehend, daher strahle ich und freue mich, dass mein Werk geglückt ist: „Ich brauchte das, da ich die letzten Tage immer so grottig* aussah.“

Im Hintergrund wird Schnaps vorbereitet. Es ist Mittag. Dieses Café kennt keine Regeln, denke ich. No. hüpft um den Tresen herum und alle anderen freuen sich mit. An. winkt mich heran, es gibt etwas zu feiern und ich muss / darf mit Schnaps trinken. Alle stehen im Kreis um das Tablett mit den Schnapsgläsern herum: An., Ti., No. und all die anderen Abkürzungen. Feierlich heben wir das Glas in die Luft.  Ti. redet viel, seine Lippen schließen sich nur für einzelne Buchstaben. No. grinst mir zu, ja ja, Ti., der Quatschkopf. Wir exen, es schmeckt wohlig warm. „43er-Likör mit Kaffee“, erklärt Th.

Es wird ruhig, wir verschwinden in verschiedene Richtungen. No., die extravagante Köchin des Hauses, geht einkaufen, die anderen gehen ins Büro. Ich schreibe, trinke Milchkaffee und schmunzle in mich hinein. In Offenbach hatte ich krampfhaft versucht mir ein Zuhause zu schaffen, endlich bleiben zu lernen. In Berlin ist es einfach passiert, ich bin Zuhause. Auch im Herman Schulz.

*Ein Wort, das nicht zu existieren scheint. In meiner Welt bedeutet es so viel wie gammelig, zerstört, nicht zurecht gemacht, ungepflegt. Übrigens steht es tatsächlich im Duden als Synonym für sehr schlecht.

Foto von Johanna Kindermann: Eine Ecke im Herman Schulz

Menschen mit Wespen in ihrem Leben

Bildschirmfoto 2014-08-27 um 14.02.40„Zwei Gemüsedöner, einmal vegetarisch, einmal mit Fleisch, bitte“, sage ich, obwohl der Mann in der Bude schon mit den Handgriffen begonnen hat. Ich nehme immer das Gleiche. Ich stehe mit Katharina an der Dönerbude am Ostkreuz und wir verfolgen mit gierigen Blicken den Dönerprozess. „Wohnst du hier?“, fragt mich der Budenbesitzer und wendet das Fladenbrot. „Nein. Ja“, sage ich es mich selbst fragend und er gibt sich zufrieden. Katharina lächelt mit hungriger Seligkeit. Ich habe ihr einen perfekten Gemüsedöner versprochen. Ohne Paprika, denn die mag ich nicht. Sie schon, aber sie lässt sich von Kartoffeln, Aubergine, Tomaten und Zucchini besänftigen, die gerade in das geöffnete Fladenbrot gefüllt werden. Dazu gibt es noch einen weiteren Klecks Knoblauchsauce und ein Spritzer Granatapfelsirup. Wir kriegen unsere Döner in unsere glücklichen Hände gedrückt und schlendern zum nahen Park, der von Bänken umrandet ist.

Ich habe einen riesigen Oleanderbusch in einem rosafarbenen Übertopf dabei und bin überfordert, wie ich mich mit der Blume und dem Döner geschickt hinsetzen kann. Eine ältere Frau kommt mir zur Hilfe. Sie ist in einem Alter, in dem eher ich ihr helfen sollte. Peinlich berührt sage ich „Danke“ und sie strahlt so sehr, dass ich vermute, dass sie es nötig hatte, auch einmal die Helfende sein. Ich sitze, links der rosa Blumentopf und die ältere Frau, rechts Katharina, die schon eine Kartoffel kaut. Wir sind uns einig: es ist ein perfekter Gemüsedöner. Weiterlesen

Man nehme den nächsten Elefanten

Bildschirmfoto 2014-08-13 um 15.18.01Keiner da, keiner da
Wenn alles zu laut ist
Sie ist zu schnell gerannt
wo kein Platz zum Ausruh’n ist
Ein Schritt für das Ende
bedeutet nicht, dass da’n Anfang ist
Wer wird schon Elefanten reiten
wenn er gut zu Fuß ist?

Dieses Gedicht ist einer Vertrauten gewidmet, die auf ihren nächsten Elefanten wartet. Wir telefonierten lange, es war spät Abends. Als wir auflegten, schrieb ich.

Foto: flickr // Allie_Caulfield

Der Anschlag auf die Moschee

Bildschirmfoto 2014-08-12 um 14.29.38„Da stehen ein paar Menschen, vielleicht können wir die interviewen“, sagt mein Kollege. Auf gut Glück fuhren wir zu einer Moschee in Kreuzberg, auf die es ein Anschlag gegeben haben sollte. Mehr wissen wir nicht. Ich erwarte nichts großes, ein Stein durch eine Fensterscheibe vielleicht. Oder faule Eier an der Hauswand.

Es ist kalt und es regnet. Wir stehen unter der überdachten Einfahrt der Moschee und mein Kollege redet mit jemandem in einem wichtigen Anzug. Von diesem Mann erfahren wir, dass ein wichtiger Redner kommt – jeden Moment. Einige Journalisten sind schon da. Ich bekomme das Mikrofon von meinem Kollegen und die typische Journalisten-Hektik. Ich halte Ausschau und beobachte die Reaktionen der anderen, da ich den wichtigen Redner nicht kenne. Solche Menschen erkennt man dennoch immer, da sich eine Traube von Leuten um sie bildet und alle Blicke auf sie gerichtet sind.

Ich friere, ein anderer Anzugträger nickt mir mitleidig zu. Zitternd nicke ich zurück. Bestimmt sind es nur Eier, denke ich. Dann wird von rassistischen Tatbeständen ausgegangen, die machen immer alles schlimmer. Ich überlege, was ich fragen soll, wenn ich keine Ahnung von dem Thema habe. Mehr als „Was ist hier passiert?“ fällt mir nicht ein und beschließe den Rest spontan zu machen. Spontan bin ich immer besser.

Mein Kollege und ich gehen auf die Moschee zu, noch sehen wir nur den Innenhof. Journalisten wuseln mit großen und kleinen Kameras herum, einige stehen ratlos herum. Ich erkenne sie an ihren Jacketts: Bequem für die Arbeit, aber schick genug für wichtige Leute. Einer mit dunkelblauem Jackett blinzelt verzweifelt seine Kollegin an: „Das bringt nichts, die sprechen hier alle nur türkisch.“

Ich folge meinem Kollegen, der auf einen Innenhof voller Staub und Schutt tritt. Zum ersten Mal kann ich die tatsächliche Moschee sehen. „Wow“, sage ich, dann nichts mehr. Ich trete neben meinen Kollegen, Schutt knirscht unter meinen Füßen. Die Moschee besteht nur noch aus nackten, rußigen Wänden. Ein angebranntes Tuch weht im Wind. Man sieht, wo die Flammen in der Nacht zuvor aus den Fenstern heraus in die Höhe wuchsen.

Ich fühle kalte Hände in meinem Nacken, obwohl mich keiner berührt, und ich zucke zusammen. Von wegen Eier. Journalisten neben mir filmen wie Bienen während ihrer Arbeit die Hauswand hoch und runter, auch mein Kollege hält die Kamera drauf. Ich brauche einen Moment, um wieder Journalist zu werden. Ich schüttle die Hand von meiner Schulter und bin wieder konzentriert.

Ich höre wieder die anderen, wie sie türkisch oder deutsch durcheinander reden. Jetzt bin ich wieder ein Teil von ihnen und ich höre mich sagen: „Lass uns draußen warten, damit wir mitnehmen können, wie der wichtige Redner aus dem Auto steigt.“ Denn als Journalist darf man manchmal kein Mensch sein.

Später betreten wir das Gebäude, vorsichtig versuche ich nichts zu berühren. Einerseits will ich nicht voller Ruß sein, andererseits habe ich Bilder von der brennenden Moschee in meinem Kopf: Nur ein kleines Antippen von mir und die Mauern stürzen in sich zusammen, denke ich. Es riecht beißend. Zum Glück ist das Interview schon vorbei, denn ich kriege die kalten Hände nicht mehr los. Nun bin ich umgeben von schwarzen Wänden. Die anderen Journalisten drängeln wieder zurück. Eine Ecke ist fast verschont geworden, Plakate aus Papier hängen noch an der nur leicht angesengten Wand. Ein Paar blauer Frauenschuhe, bedenkt mit Perlen stehen unversehrt am Fenster. Ich gehe auch.

Foto: flickr // lebastian

Mehr Informationen zu dem vermutlichen Anschlag zum Beispiel im Tagesspiegel.

#100happydays – Tag 7

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#100happydays für heute: Auf der Suche nach etwas wichtigem auf meiner Festplatte fand ich alte E-Mails. Ich war Anfang zwanzig und bis über beide Ohren verknallt. Alles schilderte ich meiner Freundin im Detail. Hach, waren das süße Mails. Das verrückte ist: Nach nur so wenigen Jahren erkennt man sich selbst kaum noch wieder. An nur einem Abend erlebte ich einen vergangenen Sommer wieder.

#100happydays – Tag 6

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#100happydays für heute: Abends einfach neben meiner Katze liegen und ruhige Minuten haben. Das Licht war aus und draußen wurde es dunkel.

(Dabei übergehe ich einfach, dass es gestern kein Foto gab. Vielleicht gab es keinen guten Moment? Vielleicht gab es zu viele?)