#100happy days – Tag X: Wann man mittags einen Schnaps trinken sollte

IMAG1155Wir sitzen im Künstler-Café Herman Schulz und No. und ich sprechen über Männer. Ich arbeite dort als Freiwillige, aber gerade bin ich privat am Kaffeetrinken. Th. und An. kommen herein und große Umarmungen folgen. „Du hast aber viel Energie“, sagt Th. „An. hat dir auch schon auf den Hintern gestarrt“, sagt Ti., ein weiterer im Café, der schon zum Inventar gehört. An. verteidigt sich: „Ich habe dich gemustert! Nicht gestarrt! Ich habe mich gefragt, ob du dich für heute Abend schon schick gemacht hast.“ Ich bin tatsächlich an diesem Tag extrem gutaussehend, daher strahle ich und freue mich, dass mein Werk geglückt ist: „Ich brauchte das, da ich die letzten Tage immer so grottig* aussah.“

Im Hintergrund wird Schnaps vorbereitet. Es ist Mittag. Dieses Café kennt keine Regeln, denke ich. No. hüpft um den Tresen herum und alle anderen freuen sich mit. An. winkt mich heran, es gibt etwas zu feiern und ich muss / darf mit Schnaps trinken. Alle stehen im Kreis um das Tablett mit den Schnapsgläsern herum: An., Ti., No. und all die anderen Abkürzungen. Feierlich heben wir das Glas in die Luft.  Ti. redet viel, seine Lippen schließen sich nur für einzelne Buchstaben. No. grinst mir zu, ja ja, Ti., der Quatschkopf. Wir exen, es schmeckt wohlig warm. „43er-Likör mit Kaffee“, erklärt Th.

Es wird ruhig, wir verschwinden in verschiedene Richtungen. No., die extravagante Köchin des Hauses, geht einkaufen, die anderen gehen ins Büro. Ich schreibe, trinke Milchkaffee und schmunzle in mich hinein. In Offenbach hatte ich krampfhaft versucht mir ein Zuhause zu schaffen, endlich bleiben zu lernen. In Berlin ist es einfach passiert, ich bin Zuhause. Auch im Herman Schulz.

*Ein Wort, das nicht zu existieren scheint. In meiner Welt bedeutet es so viel wie gammelig, zerstört, nicht zurecht gemacht, ungepflegt. Übrigens steht es tatsächlich im Duden als Synonym für sehr schlecht.

Foto von Johanna Kindermann: Eine Ecke im Herman Schulz

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Menschen mit Wespen in ihrem Leben

Bildschirmfoto 2014-08-27 um 14.02.40„Zwei Gemüsedöner, einmal vegetarisch, einmal mit Fleisch, bitte“, sage ich, obwohl der Mann in der Bude schon mit den Handgriffen begonnen hat. Ich nehme immer das Gleiche. Ich stehe mit Katharina an der Dönerbude am Ostkreuz und wir verfolgen mit gierigen Blicken den Dönerprozess. „Wohnst du hier?“, fragt mich der Budenbesitzer und wendet das Fladenbrot. „Nein. Ja“, sage ich es mich selbst fragend und er gibt sich zufrieden. Katharina lächelt mit hungriger Seligkeit. Ich habe ihr einen perfekten Gemüsedöner versprochen. Ohne Paprika, denn die mag ich nicht. Sie schon, aber sie lässt sich von Kartoffeln, Aubergine, Tomaten und Zucchini besänftigen, die gerade in das geöffnete Fladenbrot gefüllt werden. Dazu gibt es noch einen weiteren Klecks Knoblauchsauce und ein Spritzer Granatapfelsirup. Wir kriegen unsere Döner in unsere glücklichen Hände gedrückt und schlendern zum nahen Park, der von Bänken umrandet ist.

Ich habe einen riesigen Oleanderbusch in einem rosafarbenen Übertopf dabei und bin überfordert, wie ich mich mit der Blume und dem Döner geschickt hinsetzen kann. Eine ältere Frau kommt mir zur Hilfe. Sie ist in einem Alter, in dem eher ich ihr helfen sollte. Peinlich berührt sage ich „Danke“ und sie strahlt so sehr, dass ich vermute, dass sie es nötig hatte, auch einmal die Helfende sein. Ich sitze, links der rosa Blumentopf und die ältere Frau, rechts Katharina, die schon eine Kartoffel kaut. Wir sind uns einig: es ist ein perfekter Gemüsedöner. Weiterlesen

Der Anschlag auf die Moschee

Bildschirmfoto 2014-08-12 um 14.29.38„Da stehen ein paar Menschen, vielleicht können wir die interviewen“, sagt mein Kollege. Auf gut Glück fuhren wir zu einer Moschee in Kreuzberg, auf die es ein Anschlag gegeben haben sollte. Mehr wissen wir nicht. Ich erwarte nichts großes, ein Stein durch eine Fensterscheibe vielleicht. Oder faule Eier an der Hauswand.

Es ist kalt und es regnet. Wir stehen unter der überdachten Einfahrt der Moschee und mein Kollege redet mit jemandem in einem wichtigen Anzug. Von diesem Mann erfahren wir, dass ein wichtiger Redner kommt – jeden Moment. Einige Journalisten sind schon da. Ich bekomme das Mikrofon von meinem Kollegen und die typische Journalisten-Hektik. Ich halte Ausschau und beobachte die Reaktionen der anderen, da ich den wichtigen Redner nicht kenne. Solche Menschen erkennt man dennoch immer, da sich eine Traube von Leuten um sie bildet und alle Blicke auf sie gerichtet sind.

Ich friere, ein anderer Anzugträger nickt mir mitleidig zu. Zitternd nicke ich zurück. Bestimmt sind es nur Eier, denke ich. Dann wird von rassistischen Tatbeständen ausgegangen, die machen immer alles schlimmer. Ich überlege, was ich fragen soll, wenn ich keine Ahnung von dem Thema habe. Mehr als „Was ist hier passiert?“ fällt mir nicht ein und beschließe den Rest spontan zu machen. Spontan bin ich immer besser.

Mein Kollege und ich gehen auf die Moschee zu, noch sehen wir nur den Innenhof. Journalisten wuseln mit großen und kleinen Kameras herum, einige stehen ratlos herum. Ich erkenne sie an ihren Jacketts: Bequem für die Arbeit, aber schick genug für wichtige Leute. Einer mit dunkelblauem Jackett blinzelt verzweifelt seine Kollegin an: „Das bringt nichts, die sprechen hier alle nur türkisch.“

Ich folge meinem Kollegen, der auf einen Innenhof voller Staub und Schutt tritt. Zum ersten Mal kann ich die tatsächliche Moschee sehen. „Wow“, sage ich, dann nichts mehr. Ich trete neben meinen Kollegen, Schutt knirscht unter meinen Füßen. Die Moschee besteht nur noch aus nackten, rußigen Wänden. Ein angebranntes Tuch weht im Wind. Man sieht, wo die Flammen in der Nacht zuvor aus den Fenstern heraus in die Höhe wuchsen.

Ich fühle kalte Hände in meinem Nacken, obwohl mich keiner berührt, und ich zucke zusammen. Von wegen Eier. Journalisten neben mir filmen wie Bienen während ihrer Arbeit die Hauswand hoch und runter, auch mein Kollege hält die Kamera drauf. Ich brauche einen Moment, um wieder Journalist zu werden. Ich schüttle die Hand von meiner Schulter und bin wieder konzentriert.

Ich höre wieder die anderen, wie sie türkisch oder deutsch durcheinander reden. Jetzt bin ich wieder ein Teil von ihnen und ich höre mich sagen: „Lass uns draußen warten, damit wir mitnehmen können, wie der wichtige Redner aus dem Auto steigt.“ Denn als Journalist darf man manchmal kein Mensch sein.

Später betreten wir das Gebäude, vorsichtig versuche ich nichts zu berühren. Einerseits will ich nicht voller Ruß sein, andererseits habe ich Bilder von der brennenden Moschee in meinem Kopf: Nur ein kleines Antippen von mir und die Mauern stürzen in sich zusammen, denke ich. Es riecht beißend. Zum Glück ist das Interview schon vorbei, denn ich kriege die kalten Hände nicht mehr los. Nun bin ich umgeben von schwarzen Wänden. Die anderen Journalisten drängeln wieder zurück. Eine Ecke ist fast verschont geworden, Plakate aus Papier hängen noch an der nur leicht angesengten Wand. Ein Paar blauer Frauenschuhe, bedenkt mit Perlen stehen unversehrt am Fenster. Ich gehe auch.

Foto: flickr // lebastian

Mehr Informationen zu dem vermutlichen Anschlag zum Beispiel im Tagesspiegel.

Überoberlippe

Ich bin in der Ringbahn und denke über die Körperpartie zwischen Nase und Mund nach. Ich bezweifle, dass es einen volkstümlichen Namen dafür gibt, sonst hieße es auch nicht Oberlippenbart, sondern Überoberlippenbart oder ähnlich. Die Frau vor mir hat sehr viel davon. Keinen Bart, aber eine Überoberlippe. Wie ein Vogelschnabel wölbt er sich über ihren Mund. Er sieht weich und wellig aus wie das Fleisch eines Oktopusses.

Eine andere Frau, die im Raum vor der Tür steht, hat fast keine Überoberlippe. Sie hat aber auch kaum einen Mund, dafür redet sie aber viel. Als hätte man ihr bei der Geburt noch schnell einen geschnitten, weil er sich als Phötus nicht gebildet hatte. Ein Mann drängt sich an meinen Knien vorbei und murmelt: „Entschuldigung.“ Über seinem Mund spannt sich die Haut wie ein Zelt und schwarze Punkte und kleine Hautschüppchen verraten die frische Rasur.

Meine Hand tastet nach meiner Überoberlippe und fühlt eine leichte Kuhle. Aha. Die Oktopus-Frau vor mir guckt mich neugierig an. Ich versuche mich in der Scheibe zu spiegeln, um zu sehen, wie die Partie unter meiner Nase aussieht. Da höre ich eine Stimme über die Lautsprecher: „Der nächste Halt ist zwei Stellen nach Hannas Zielhaltestelle. Ha ha.“ Meine Hand schnellt runter und ich sammle meine Körperteile ein, um auszusteigen. Ich glaube, Häme in dem Blick der Oktopus-Frau zu sehen.

Berlin mit dem Fahrrad (oder: Google Maps, die Sau!)

Stadtplan-Fetzen
Zur Sicherheit schaute ich noch mal nach der Adresse, die mir geschickt wurde: Neumannstraße. Ich tippte die Straße in Google Maps und schrieb Christoph, mit dem ich verabredet war: „Ich bin in einer halben Stunde da.“ Mein Bauch zog sich zusammen, seit dem frühen Morgen hatte ich nichts mehr gegessen und die Arbeit hatte mich nicht pünktlich gehen lassen wollen. Ich schloss mein Fahrrad auf, kurvte es aus dem Hinterhof des Gebäudes und schwang mich drauf.

Bratkartoffeln mit Ofengemüse, ohne Paprika und mit viel Knoblauch. Tomaten, Zucchini, Aubergine und Pilze, dazu Quark mit Schnittlauch. Genau, wie ich es mag. Mein Magen tanzte vor Vorfreude und ich auf dem Fahrrad leicht mit. Vielleicht ist das sogar mein Lieblingsessen, vielleicht ist es das beste Essen überhaupt, vielleicht sind Bratkartoffeln mir Ofengemüse ein kleines Tor zur Glückseligkeit. Ich musste nur noch diese windige Straße am Alex vorbei, fiese Pflastersteinstraßen überwinden und dabei noch ein wenig schneller fahren. Ich trat in die Pedale, die Sonne kam raus und ich spürte eine Schweißperle meinen Rücken runterrollen. Google Maps teilte mir im Befehlston mit, ich solle links in die Neumannstraße einbiegen.

Die Neumannstraße in Pankow ist keine hübsche Straße. Sie ist zweispurig und die Häuser sind kastenförmige Mehrstockhäuser im Altenhausstil. Ich rollte die Straße hinunter und stellte mir vor, wie ich diese Umgebung öfters sehen würde, wenn ich Christoph besuchen würde. Die Strecke würde mich noch viele Schweißperlen kosten, aber was tut man nicht alles für Bratkartoffeln mit Ofengemüse. Komisch, hier müsste doch seine Wohnung sein. Google Maps befahl mir: „Bitte wenden.“ Ich fuhr die Straße zwanzig Minuten lang rauf und runter: „Bitte wenden, bitte wenden, bitte wenden.“ Ich hielt ernste Beziehungsgespräche mit Google Maps. Schließlich beende ich die App und rufe Christoph an.

„Ich finde deine Hausnummer nicht.“
„Was?“ Christoph lachte. Blödmann. Er verstand meinen Ernst der Lage nicht, ich verhungerte!
„Ich fahre seit zwanzig Minuten die Straße rauf und runter, deine Hausnummer gibt es nicht, überall schleichen Omas herum und ich habe Hunger!“
„Ich gehe mal vor die Haustür, vielleicht sehe ich dich. Wo stehst du denn?“
„Vor einem Einkaufszentrum. Da ist ein Fitnessstudio drin, ein Restaurant, eine Sparkasse…“
„Oh je.“ In seiner Stimme schwang Unheil mit, die ich erst einmal nicht wahrhaben wollte.
„Du wohnst doch in der Neumannstraße?“ Die Frage war rhetorisch.
„NAUMANNSTRAßE“, sagt er.
„Neumannstraße?“
„Naumannstraße!“
Endlich erkannte ich, dass es keinen Sinn hatte, die böse Wahrheit weiter zu verleugnen. Vorsichtig fragte ich: „In welchem Kiez wohnst du?“
„In Schöneberg.“ Ich höre die Neumannstraße in Pankow böse lachen, die alten Frauen feixen hinter mir.
„Wie lange brauche ich von Pankow bis nach Schöneberg?“
„Lange?“ Seine Stimme klang ungläubig, ich legte auf und fragte die weiße Fahne schwingend Google Maps um Rat.
Google Maps sagte gehässig: „48 Minuten.“

Mein Magen schlug von Innen gegen meine Bauchdecke, mein Körper stütze sich erschöpft auf mein Lenkrad und ich fing an zu heulen. Erschöpfung, Hunger und Wut kontrollierten mich und fühlte, dass ich das Tor zur Glückseligkeit nie erreichen würde. Ich beschimpfte die Welt, sämtliche Götter, die Naumannstraße, mich selbst und mein Geschimpfe machte auch nicht vor den Bratkartoffeln Halt.

Wieder zu Logik zurückkehrend hob ich mich auf und beschloss, dass eine weitere Stunde nur eine weitere Stunde sei und die Bratkartoffeln auf mich warten würden. Ein Mann kreuzte mich, wie ich mich auf dem Gehweg heulend an meinem Lenkrad festhielt, und tat, was jeder gut erzogene Mensch tun würde: Er schaute an mir vorbei und lief etwas schneller. Gut so. Ich wischte meine Tränen der Wut auf mich selbst weg und trat in die Pedale.

Generell war eigentlich Christoph schuld. Er hatte mir eine unlogische Straße geschickt, dabei ist NAU nicht mal ein Wort und NAUMANN ergibt keinen Sinn, so sollte keine Straße lauten. Ich suchte mir einen Schuldigen, um ein Ventil zu finden. Mir zum Opfer fallende Menschen standen mir im Weg, ich bellte sie an und raste die Strecke wieder zurück, alles war rückwärts. Die fiesen Pflastersteine schleuderten mich im Vollwaschgang, die windige Straße am Alex vorbei wollte mich wieder zurück nach Pankow wehen und ich versuchte das Universum mit seinem rätselhaften Unsinn zu entziffern. Als ich schließlich in Schöneberg meinen schmerzenden Hintern vom Fahrradsattel löste, war ich wieder besser drauf, mein Magen freute sich auf die Bratkartoffeln.

Ich klingelte und ein grinsender Christoph öffnete mir die Tür. Sein Blick sagte alles, er schüttelte leicht prustend den Kopf. Dafür wollte ich ihn gerne schlagen, stattdessen lachte auch ich laut auf. Ich streckte meinen geschundenen Körper und schaute die Naumannstraße hinab. Für Christoph war es dennoch eine gute Sache, dass er dort und nicht in der Neumannstraße wohnte. Es war hübsch und Gemütlichkeit lag auf den Häusern mit den spitzen Dächern und den Bäumen. Definitiv ein Upgrade. In der Wohnung schnupperte ich entzückt, es roch nach leckeren Bratkartoffeln. Ich hörte den Ofen brummen. „Das Essen braucht noch ein paar Minuten“, sagte Christoph und ich sank vor Trauer auf den Boden in der stühlelosen Küche. Christoph schwang sich ein Geschirrhandtuch fröhlich über die Schulter und trällerte: „Ich dachte, du brauchst länger für den Weg.“

Foto: flickr // Pierre Willscheck

Tourismus für Extreme: Der Fahrradladen Bikefix

Es war nicht unwahrscheinlich, dass mein neues, klappriges Fahrrad bald unfahrbar werden würde. Es könnten die Bremsen sein, vielleicht die Reifen, die Kette oder alles auf einmal. Es erwischte mich keine Woche, nachdem ich das olle Teil gekauft hatte. Nach vielen Tagen Hitze kam Regen dazu, während die Temperaturen gleich blieben. Natürlich trug ich Sandalen und eine Hose, die dem Wind in allen erdenklichen Richtungen nachgab. Dennoch lächelte ich, denn mein Mietvertrag war frisch unterschrieben und mir wehte ein gutgelaunter Fahrtwind die Haare in die Höhe.

Dann ermordete ich mein Fahrrad, indem ich über etwas scharfkantiges fuhr – ein Rinstein, eine zerbrochene Bierflasche oder ein Ninja-Schwert. Nach wenigen Metern musste ich es mir eingestehen: Mein Fahrrad hatte am Hinterrad einen Platten. Trotzdem lächelte ich noch. Immerhin war ich nicht in Eile, außerdem hatte mir mein ehemaliger Mitbewohner Nils etwas verraten: In Berlin dauert es nie lange, bis man auf einen Fahrradladen stößt.

Ich quälte mein röchelndes Fahrrad über den Moritzplatz und keine fünf Minuten später sah ich einen Laden mit vielen Fahrrädern in einer Reihe vor der Tür. Ha! Treppenstufen führten mich in ein Kellergeschoss und hinter einem schmuddeligen Tisch saß ein schmutziger Mann mit einer Huckleberry Finn-Mütze. Ich hatte keine Ahnung vom Fahrradleben und fragte verschwitzt: „Ich verpasste meinem Fahrrad gerade einen Platten. Kann man das schnell reparieren?“ Huckleberry Finn schaute mich verschmitzt an: „Auch noch schnell?“

Ich rollte also mein rostiges Fahrrad die Stufen hinunter und ohne ein Wort zu verlieren, packte mein Retter es und hob es auf einen Ständer. Er schaltete einen Bluetooth-Lautsprecher für Musik an und er begann zu arbeiten. Ich stand vor dem Tisch und beschloss, mich nicht zu wundern. Stattdessen wollte ich die Wendung meines Tagesflusses ebenso stillschweigend akzeptieren, wie Huckleberry Finn es tat. Ich bekam einen Stuhl hingeschoben und ich machte es mir bequem.

Seine Werkstatt war ein Chaos, doch er war ihr Herrscher. Seelrenruhig suchte er nach einem passenden Schraubenschlüssel. Er spielte die Zeit, statt sich von ihr dominieren zu lassen. Beeindruckt beobachtete ich seine Hände, die selbstsicher wussten, welche Schrauben gedreht werden mussten. Ihre Handflächen waren schwarz von der Arbeit und am rechten Ringfinger steckte ein dicker Silberring mit einem schwarzen Stein.

Plötzlich stand er mit einem Glas türkischen Tee vor mir. Mein Blick musste zu dem Korb mit den Fahrradklingeln gewandert sein. Er hob den Deckel eines Zuckerschälchens an und bot mir die süßen Würfel an – alles ohne Worte. Ich schüttelte den Kopf und nahm den Tee den Tee entgegen. Als ich vom Glas wieder aufblickte, war Huckleberry Finn längst wieder am Arbeiten.

Er musste viel erlebt haben und als wichtigste Eigenschaft konnte er es sich aneignen, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Ich fragte mich, ob ich jemals einen solchen Status von innerer Ruhe erreichen würde. Ein Bild von mir erschien in meinem Kopf: Ich war zwanzig Jahre älter und nicht mehr sprunghaft wie heute. Meine Haut war braungebrannter, als es die deutsche Sonne je hinbekommen würde, und viele feine Falten umkreisten meine Augen. Ich trug eine unmoderne Jeans, an der ich meine schwarzen Hände abwischte.

Eine Bewegung riss mich aus den Gedanken. An der Tür über uns stand ein Mann mit abstehenden Locken und einem Kinderrad in der Tür über uns: „Ich bin leider noch einmal da, die Kette ist zu groß.“ Keine Sekunde wich Huckleberry Finn von seinen geübten Handgriffen ab. Dann holte er eine neue Kette vom Haken und hielt sie dem Mann schweigsam hin. Obwohl er ihn wie einen Freund behandelte, wusste ich, dass sie sich kaum kannten. Denn so ging er mit Fremden um. Ein weiterer Kunde kam, um neue Bremssätze zu kaufen. Er wurde ebenso in den Arbeitsfluss mit eingebaut, fast tanzte der Ladenbesitzer durch seine Werkstatt. Ein Mann lief vorbei und sie begrüßten sich auf türkisch.

Als mein Fahrrad fertig war, war ich fast enttäuscht. Zu sehr hatte ich meinen Aufenthalt im Fahrradladen genossen. Ich zahlte und blickte ratlos auf das Rad, welches noch am Ständer hing. Huckleberry Finn winkte Richtung Ausgang und sagte: „Ich bringe es dir raus.“ Ich sammelte meine Tasche, meinen Laptop und meine neuen Erkenntnisse zusammen und wartete vor der Tür. Er folgte mir mit einer Zigarette im Mundwinkel. „Danke, das war wirklich schnell“, sagte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie lange es gedauert hatte. Im Laden läuft die Zeit nicht schnell. Seine Augen glitzerten und er ergriff meine ausgestreckte Hand: „Du sagtest doch ‚schnell’.“ Wenn ich Glück habe, blieb etwas von seinem schwarzen Dreck an meiner Hand hängen.

Bikefix
Reichenbergerstraße 6
10999 Berlin

What’s in My Bag

Es ist Wochenende und ich entdeckte Youtube. Und klick, klick, klick landete ich bei Videos von Bloggerinnen, die mir ihren Tascheninhalt zeigen. Entrüstet sah ich, wie sie nacheinander Lippenstifte, Make up-Täschchen und Nagelfeile heraussuchten. Wow, dachte ich. Wenn jemand etwas von Taschen erzählen kann, dann doch wohl ich, oder? Oder? Immerhin bin ich diejenige, die über das Unterwegssein schreibt und immer eine Tasche dabei hat. Das kann ich auch. Als Beweis, dass ihr euren Badezimmerinhalt getrost Zuhause lassen dürft. Als Anti-Girlie-Revolution.

NotizbuchMein Notizbuch, das Zweite. Es begann vor einigen Jahren, als mir Louisa ein kleines Heft von Moleskine schenkte: „All die großen Schriftsteller hatten eins und schrieben ihre Einfälle unterwegs hinein, um sie nicht zu vergessen.“ Das Zweite ist tatsächlich fast voll und wird zwischendurch für Sushibestellungen oder Rezepte genutzt. Ein Auszug:  „Seetang-Salat, Avocado Maki, Oshinki Maki, Kanpyio Maki“ oder „Man verliert sein Herz so schnell. Ich lasse meins immer im Taxi liegen. – Dorothy Parker„.

MuellMüll. Tatsächlich ist eine Handtasche ein idealer Aufbewahrungsort für Kassenzettel und Papierschnipsel, die man nicht mehr braucht. Ich zerknäule sie meistens und stopfe sie in die Ritzen. Wenn ihr wollt, kann ich euch dazu noch ein DIY-Bericht machen.

RegenschirmEin Regenschirm von Mango, übrigens einer meiner Lieblingsmarke. Das Praktische an ihm ist, dass er mich größtenteils auch bei Regen trocken hält. Das könnte wahrscheinlich auch jedes drei-Euro-Prudukt. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich endlich mal einen schönen Regenschirm. Genau wie Billigschirme ist er auch schon kaputt, ich nutze ihn trotzdem noch und sehe bei jedem Regentag bescheuert aus.

KindleMein Kindle, der vor kurzem meinen Sony-Reader abgelöst hat. Das erste Buch darauf (The Importance of Being Ernest von Oscar Wilde) las sich wunderbar. The Twelve von Justin Cronin ist etwas schwerwiegender. Übrigens bin ich absoluter Fan von „digitalem Lesen“. Es erleichtert mir die Buchauswahl und ich habe immer das Richtige zum Lesen dabei, wenn ich unterwegs bin. Außer der Akku streikt.

IMAG0082Ein nicht abgeschickter Brief, mit dem ich meine Smartphone-Versicherung kündigen will. Mit abschickbereiten (Neologismus!) Briefen in der Tasche versuche ich sie schnellstmöglich abzuschicken. Der Trick funktioniert nicht ganz. Kennt wer eine bessere Idee?

IMAG0083Handschuhe von einer Marke, die ich vergessen habe. Sie hatten blöde Schleifchen, die ich abgeschnitten habe. Sie sind schwarz und aus Fake-Leder. Das seht ihr zwar alles, aber ich sage es trotzdem. Außerdem halten sie warm.

IMAG0084_BURST002Mein Portemonnaie! Ebenfalls von Mango. Es fiel meiner Katze schon zum Opfer, dementsprechend zerstört sieht es aus. Ich werde es bis zum bitteren Ende nutzen! Das Teil war teuer, das muss es jetzt abarbeiten.

IMAG0085Taschentücher und eine Einkaufstasche. Man weiß ja nie. Vielleicht will ich einkaufen gehen? Oder einer Freundin läuft die Nase? Dann kann ich sie tatkräftig unterstützen.

IMAG0086Streichhölzer sollte jeder in seiner Handtasche haben. Es ist wichtig immer genug dabei zu haben, falls euch Feinde über den Weg laufen... Wer meinen Blog noch nie zuvor gelesen hat, wird nicht wissen, um was es geht. Aber das ist mir egal!

IMAG0087Das ist eine Handcreme, deren Marke draufsteht. Woher ihr sie bekommt, steht sogar auch drauf. Sie wirkt gut, wie es schon viele andere taten. Sagt mir einfach in den Kommentaren, ob ihr wollt, dass ich dazu eine Rezension schreibe.

IMAG0088Ein Pfefferspray der Marke bla bla. Ich kann es empfehlen, da es funktioniert. Unangenehm wird es nur, wenn ihr tanzen gehen wollt und darum gebeten werdet, eure Waffen vorher abzugeben. Ach was, eigentlich fühle ich mich bei dem Satz des Türstehers immer ein bisschen wie Milla Jovovich in Resident Evil. (Und ja, ich habe gerade eine Vision in meinem Kopf, wie ich gegen Zombies kämpfe.)

IMAG0089Ein kleiner Taschenspiegel einer Freundin namens Lenchen, die ich viel zu selten sehe. Es war ein Geburtstagsgeschenk und perfekt, da ich mir nie einen gekauft hätte und ihn sehr oft verwende. Außerdem mag ich die Eule und die Kulistriche darauf.

IMAG0090Ein Hefterding, welches das neuste Mitglied in meiner Tasche ist. Es befindet sich nur dort, weil ich es Montag meinem Kollegen geben möchte. Heute versuchte er fluchend fast vierzig Seiten zu tackern und er tat mir Leid.

IMAG0091Mein altes iPhone, welches ich von der Smartphone-Versicherung reparieren lassen möchte (die ich danach kündigen will). Es gibt übrigens keine Ecke, an der das Gorilla-Glas nicht zerbrochen ist. Ja, ich bin ein Trottel, aber ich bin schlau genug, mich zu kennen und zu versichern. In der Reflexion (mit X, wie mir mein Kollege mit dem Tacker beibrachte) sieht man mein neues Smartphone, welches normalerweise auch in meiner Tasche ist. Ebenso wie mein Ladekabel, was aber gerade an der Steckdose hängt.

IMAG0093_BURST002Kopfschmerztabletten, die mir meine Mutter an Weihnachten gab, weil sie ihr zu stark sind. Viel Zugfahren macht Kopfschmerzen.

IMAG0094Das ist etwas, was kein Girlie-Mädchen in ihrem Video in der Tasche hatte und was ich absolut nicht verstehe. Das sind Tampons. Falls ihr bisher nur Make up dabei hattet, könnt ihr euch ja von mir inspirieren lassen. Diese praktische Aufbewahrungsbox beinhaltet drei, maximal vier Tampons, sodass diese nicht mehr lose herumliegen müssen.

IMAG0095Mein geliebter iPod, zu dem es eine romantische Geschichte gibt. 2008 bekam ich von meiner Host-Mom in Amerika dieses Modell geschenkt und liebte es heiß und innig. Ein Jahr später wurde es mir geklaut und ich trauerte lange. Die neuen iPods gefielen mir nicht, andere MP3-Player überzeugten mich nicht. Vor genau einem Monat fand ich online einen Verkäufer, der den gleichen (nicht denselben) iPod für wenig Geld verkaufte. Er war gebraucht, längst überholt und ich schloss ihn gleich in mein Herz. Er ist voller John Frusciante, The Black Keys, Train und Nelly Furtado.

IMAG0096IMAG0104Teebeutel, da ich feststellen musste, dass viele Menschen keinen (oder keinen vernünftigen)

Tee besitzen. Roibusch kann man sehr gut als Beutel trinken, da das ja Holz ist und nicht so schwer handzuhaben ist wie Teeblätter. Man kann an Krümeln in meiner Tasche ebenfalls erkennen, wie teeverrückt ich bin. Das war weißer Tee.

IMAG0097Ein Kugelschreiber. Jeder vernünftiger Mensch braucht einen Stift in seiner Tasche. Er ist von der Marke http://www.wahllose-internetadresse.de.

IMAG0098

Ein USB-Stick von der mediale*. Jeder vernünftiger Mensch brauch einen USB-Stick in der Tasche. Er hat 8GB und ist nur empfehlenswert. Ihr werden ihn aber nicht mehr kriegen, da es die mediale* nicht mehr gibt. Ich bin ein Trendsetter, har har har.

IMAG0099Ein Lippenstift, der mich nun offiziell zum Girlie macht. Gerne wäre ich jemand, der sich die Lippen nachschminkt und immer perfekt aussieht. Nein, so bin ich nicht. Der Antrieb dazu liegt vergessen in meiner Handtasche. Er beinhaltet Teekrümel.

IMAG0102Ein viel genutzter Lipbalsam von alverde. Tolle Marke, kann ich nur empfehlen (Jetzt mal ernsthaft).

IMAG0103Das ist meine Personalkarte, mit der ich jeden Morgen in das Gelände der World Media AG hereinkomme und am Abend wieder hinaus. Jedes Mal winke ich dem Pförtner mit meiner behandschuhten Hand zu. Dazwischen sehe ich Kollegen beim Kampf gegen den Tacker zu.

IMAG0105Mein To Go-Becher, der mir sehr wichtig ist. Er beinhaltet morgens Tee, den ich schon halb auf dem Weg zur Arbeit trinke. Auf halber Strecke stelle ich ihn auf dem Tresen der Tankstelle ab, um dort eine Brezel zu bezahlen. Er wurde mir vor wenigen Tagen von meiner Kollegin Natalie von den Nachrichten geschenkt, nachdem mein Alter nach sechs Jahren guten Dienst verstorben war. Den neuen Becher nenne ich Pinkie, weil Natalie pink mag und mir eigentlich einen in der Farbe kaufen wollte.

Jetzt ist meine Tasche leer und mit beiden Händen schaufel ich alles wahllos zurück in sie hinein. An diese Stelle möchte ich anmerken, dass ich trotz all der Ironie in meinem Beitrag die Girlies mit den „What’s in My Bag“-Videos nicht beleidigen möchte. Sie machen ihre Arbeit gut, ich wollte hier nur zeigen, dass es auch andere Frauen gibt. Jeder Fussel in einer Handtasche sollte berechtigt sein.

Äußerem sei erwähnt, dass sich dieser Blog mehr Richtung Spielwiese verändern wird. Das bedeutet erstens, dass ich mehr posten werde und zweitens, dass die Qualität drastisch abnehmen wird. Auch die Thematik UNTERWEGS SEIN werde ich mehr aufbrechen. Aus dem Grund, dass mein ganzes Leben in Bewegung ist und hoffentlich immer bleiben wird. Passend zum Anlass verrate ich nun hier der ganzen Welt, dass ich in wenigen Monaten nach Berlin gehen werde. Adios und Grüße von meiner Katze, die gerade fett auf meinem Schoß liegt.