Rumis Schatten

Licht ist das wichtigste Stilmittel in Videos. Filme können an einem sommerlichsten Tag gedreht werden und trotzdem bedrohlich sein. Sie sorgen dafür, dass sich deine Körperhaare aufstellen, es beginnt knapp hinter dem Handgelenk, fließt über die Schulter und den Rücken hinab. Du fühlst dich in deinen eigenen Räumlichkeiten nicht mehr sicher, ein Windhauch am großen Zeh versetzt dich in Todesangst. Es ist das flache Licht, der Sommer wirkt plötzlich kühl und am wichtigsten sind die Schatten. Wer das Licht kennt, sieht die wahren Schatten. Deshalb beginnen so viele Horrorfilme mit einem Sommertag. Weiterlesen

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Die Worte, die durch meine Adern fließen

Words everywhereWörter sind immer da, sie verlassen mich nicht. Sie haben auf alles eine Antwort, sie sind stark, sie können die kältesten Menschen umarmen. Sie sind mein Ticket für die Freiheit, wenn ich im tiefsten Verließ gefangen gehalten werde. Sie sind immer da, sie pulsieren unter meiner Haut. Kaum sichtbare Wörter tummeln sich dort, mächtige Wortgewalten paaren sich, Satzfragmente huschen durch meine Adern, ganze Buchreihen flüstern mir ins Ohr. So laut sie sind, so laut bin ich, so verängstigt sie sind, so bin ich es auch. Sie sind ich, ich bin nichts ohne sie. Weiterlesen

10 WÖRTER, EINE GESCHICHTE*

Eine haarige, kleine Spinne krabbelte über seinen Fuß, er wackelte mit den Zehen. Die Spinne blieb stehen und verweilte. Fast schien es ihm, als würde sie ihn angucken, mit ihm sprechen. Doch er halluzinierte viel seit einigen Tagen, er war daran gewöhnt. Wären seine Hände nicht auf dem Rücken zusammengebunden, könnte er das Spinnentier einfach vorsichtig in die Hand nehmen oder beiseite schupsen. Dieses lief nun seine Fußsohle hoch. Er kicherte.

„Was ist?“, unterbrach der dicke Mann, der vor ihm mit einem Buch im Schneidersitz saß, sein lautes Lesen. Zum dritten Mal hatte er dieses Buch schon angefangen. Er las gerne, außerdem wollte er den Gefangenen etwas aufheitern. Es war ein Werk von Anthony Hopkins, andere Bücher gab es auf dem Schiff nicht. Weiterlesen

Schreibaufgabe: Der teekochende Antiheld

Schreibaufgabe: Ein gebrochener Anti-Held soll Tee für seine Mutter kochen. Was gehen ihm für Gedanken durch den Kopf?

Er dachte für einige sich stapelnde Sekunden nichts. Sein Atemzug danach war tief. Dann dachte er wieder an die Frau und deswegen sprang er tatsächlich auf und begann die Teekanne zu suchen. Als die Frau hartnäckig blieb, wurden seine Bewegungen fahrig. Er konnte die Kanne nicht finden, denn er suchte nur für Beobachter, in Gedanken war er auf dem Gehweg neben der mehrspurigen Straße. „Wenn du wüsstest!“, sagte er zu niemand bestimmten. Er war wie ein Stein, der aus dem Fluss herausragt, das Wasser strömte um ihn herum und beachtete ihn nur so weit, dass sie ihm auswichen. Er lachte laut auf, der Strom blieb davon unberührt.„Mein Tee, Schatz, denkst du an ihn?“ Ohne dass er es gemerkt hatte, hatte sich sein Körper vor den Küchenschrank gesetzt. Seine Mutter rief vom Wohnzimmer aus. Er brüllte zurück, als würde er seine Mutter mit einem Stein abwerfen, obwohl er dass Wasser hinter ihr treffen wollte. Sie kam in die Küche und reichte ihm die Teekanne. Sie stand auf dem Regal direkt über ihm. Dazu stellte sie noch den losen Tee und Beutel daneben. Sie befüllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein. „Ich mach das!“, bewarf er sie mit wütenden Steinen. Sie lächelte ihm traurig zu und ließ ihn alleine. Der Wasserkocher schnaufte und vermischte sich mit dem Rauschen des Straßenverkehrs. Der Strom floss an ihm vorbei, schneller als an anderen Flussbiegungen und er drohte und schrie, warum hörte ihn nur keiner? Die Frau hörte ihn. Sie blickte nicht weg, sie sah ihn. Ihre Augen waren entsetzt, ihr Mund kündigten die Tränen an, bevor er sie sehen konnte. Sie blieb nicht stehen, er: „Wenn du wüsstest!“ Das Wasser im Kocher tobt, mit einem Klick schnellt der Hebel hoch.

Heute, 22.15: „Freunde mit Streichhölzern“

Abend in der Linie 3, Darmstadt

Ich wurde nur von einem Flammkuchen mit frischen Pilzen unterbrochen.

Wir ahnten noch nicht, welche abenteuerliche Erlebnisse auf uns warteten. Wir waren zu dritt auf dem Weg in eine Frankfurter Nacht. Xu, die Illustratorin meiner Bachelorarbeit und Erzählerin der „Karottenmädchen“-Geschichte, ich und Basti, der Neuling. Ihn hatten wir im Café Herrengarten aufgegabelt, eine Freundin hatte ihn mitgebracht. Die Nacht sollte die unsere werden und wir starteten sie am Darmstädter Nordbahnhof. Weiterlesen

Laut lesen am Moritzplatz

Böll
Es klang wie davonleben statt davon leben. // flickr: brandmaier

Zweite Frage: Leben Sie davon?“ Der Mann lag halb auf der U-Bahnbank und hatte ein dünnes Buch in der Hand, aus dem er laut las. Er betonte den Satz so seltsam, dass es mehr nach davonleben klang. Er hat einen französischen Akzent. Neben ihm sitzt sein Freund, ebenfalls halb liegend und andächtig an einer kurzgebrannten Zigarette ziehend. Seine Haare sind wirr und lockig. Der andere fährt vor: „Wahrheitsgemäß mit Ja beantworten muss.“ Weiterlesen